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photographic strategies in the 1920’s and 1930’s

„Aber reden wir einmal von der Kunst. Jawohl, von der Kunst. Ich kenne einen Herrn der ausgezeichnete Porträts macht. Dieser Herr ist ein fotografischer Apparat.“
Tristan Tzara: Die Fotografie von der Kehrseite 1922

Wenn über die 1920er und frühen 1930er Jahre des letzten Jahrhunderts gesprochen wird, dann fallen immer wieder die selben Schlagworte wie Modernität, Mobilisierung, Beschleunigung, Technisierung. Die Umschreibungen bergen sowohl die Idee von Aufbruch und Veränderung, als auch zugleich Anklänge von Verunsicherung und Skepsis. Das ist nicht verwunderlich, denn es ist eine Zeit, in der wie in kaum einer anderen Epoche, eingebettet zwischen zwei katastrophalen Weltkriegen, um neue gesellschaftliche Modelle gerungen wird, Reformen und Traditionen gegeneinander ausgelotet und hinterfragt werden und dem subtilen Gefühl nachgegangen wird, ob Fortschritt nicht auch gleichzeitig ein Schritt in die falsche Richtung bedeuten könnte. Eigentlich nur allzu menschliche Fragen, die aber in den Anfängen des letzten Jahrhunderts beinahe aufrührerisch klingen. Die Erfolge in Medizin und Wissenschaft bringen Verbessungen des Lebensstandstandards, neue Verkehrsnetze unterstützen die Mobilität des Einzelnen, verbinden die neuen Ballungszentren und Großstädte mit der ländlichen Umgebung. Man darf diese Phase auch als den Beginn einer globalisierten Zeit bezeichnen, denn ein reger Austausch sowohl in Wirtschaft, Politik und Kultur, in Musik und Kunst lässt die Länder in Europa und dem Rest der Welt zusammenrücken. Die Zeit ist vielgesichtig und konträr und trotz der Diskussionen um alle Formen von Fortschrittlichkeit dreht es sich doch immer um den Menschen an sich. Es geht ums Leben (und Überleben) des Menschen in einer durch die Technik und die Verdinglichung bestimmten Welt. Das gespiegelte Antlitz der Zeit findet sich in der fotografischen Praxis der 1920er und 30er Jahre wieder. Wie kaum ein anderes Bildmittel ist die Fotografie mit den Entwicklungen in den Jahrzehnten des Umbruchs verzahnt, ist von ihnen abhängig und reflektiert sie im gleichen Zug. Lazlo Moholy-Nagy, Konstruktivist und Hauptvertreter des sogenannten ‚Neuen Sehens’, Pädagoge und Theoretiker der Fotografie, kommt 1929 zu dem Schluss: „Noch einige lebendig vorwärtsschreitende Jahre […] und es wird zu den allgemeinen Erkenntnissen gehören, dass zum Anfang neuen Lebens die Fotografie einer der wichtigsten Faktoren gewesen ist.“
Der Mensch steht im Fokus fotografischen Interesses und das Motiv Mensch wird zum Gradmesser der Veränderung, an ihm versinnbildlichen sich Visionen, es werden moderne Tendenzen aufgezeigt, Gesellschaftsfragen analysiert und dokumentiert, Erfolgsgeschichten erzählt, soziale und politische Problematiken verhandelt. Gleichzeitig wird die fotografische Praxis ausgehend vom Atelierbild bis zum Experiment erweitert und entwickelt sich zum eigenständigen Bildmedium, welches losgelöst von anderen Kunstformen zu einer eigenen Sprache findet. „Als alles, was Kunst heißt, an Rheumatismus erkrankt war, zündete der Fotograf seine tausendkerzige Lampe an“ , schreibt Tristan Tzara in seinem Artikel: Die Fotografie von der Kehrseite 1922.

Antlitz der Zeit
Antlitz, was für ein schönes, altmodisches deutsches Wort, welches aber wahrscheinlich bald schon in den Katalog der vergessenen Wörter aufgenommen werden kann. Es wurde, heute nur noch sehr selten, als Synonym für Gesicht verwendet, bedeutet aber in seinem Ursprung auch das Entgegenblickende. Es ist etymologisch eine Wortmischung aus Sehen und Blicken und trifft damit den Kern der Porträtfotografie.
1929 benutzt August Sander diesen Begriff und betitelt so sein 60 Arbeiten umfassendes Porträtkompendium Antlitz der Zeit. Es ist ein fotografischer Querschnitt durch die Gesellschaft der Weimarer Republik und der Versuch anhand von sachlichen, individuellen Menschenbildern Zugehörigkeiten, Außenseiter, Stände und Entwicklungen sichtbar zu machen. „Mit Hilfe der reinen Photographie ist es uns möglich, Bildnisse zu schaffen, die die Betreffenden unbedingt wahrheitsgetreu und in ihrer ganzen Psychologie wiederzugeben.“ , schreibt er 1925 an den Fotochemiker und Fotohistoriker Erich Stenger. Die sachliche Betrachtungsweise wie man sie in seinem Porträt Der Konzertpianist Max van der Sandt oder Die Stenotypistin in einer Sparkasse, (beide von 1928) erkennt, verdeutlichen seinen Anspruch. Beide Personen werden durch oder in ihrer Arbeitssituation aufgenommen, im Konzerthaus bzw. im Kantor. Darüber hinaus geht es um spezifische Eigenschaften, die Sander als die psychologische Komponente eines Porträts bezeichnet: Das schüchterne Lächeln der Büroangestellten, die hinter ihren dicken Brillengläsern hervorlugt, ohne dem Blick des Fotografen standhalten zu können und die hinter dem schweren Schreibtisch beinahe versinkt, zeigt eine Haltung, wie man sie von einer Schreibkraft in untergeordneter Position vermutlich erwartete. Der Pianist dagegen, ein aufrechter Vertreter seines Fachs, absolut korrekt, so wie sein blütenweißes Hemd und seine akkurat gefasste Fliege. Er ist jemand, der es im Gegensatz zu der Büroangestellten gewohnt ist, betrachtet und begutachtet zu werden. Allein sein Mund wird von einer Sensibilität und Empfindsamkeit umspielt, welche die scheinbar mühsam erarbeitete Selbstsicherheit ins Wanken bringt und man ist als Betrachter auf einmal sehr froh, dass er sich auf seinem zu großen Stock abstützen kann, damit er nicht aus dem Takt oder besser aus der Balance kommt. Die unmittelbare Beobachtung des Menschen und seiner Lebensverhältnisse ist ein Stichwort, welches Sanders zutiefst methodische Vorgehensweise charakterisiert, die neben der Betrachtung von Einzelpersonen oder Gruppen, der Frage nach einer wechselseitigen Einflussnahme von Mensch und Gesellschaft nachgeht. In seinem Brief formuliert Sander einen positivistischen Anspruch an die Fotografie, der stellvertretend für andere Fotografen gelten kann, etwa für Albert Renger-Patzsch. Der direkte Kontakt zwischen den Menschen vor und hinter der Kamera ist bei beiden Fotografen spürbar, es scheint eine direkte Konfrontation zwischen Bildanspruch und Repräsentation zu sein, die auf dem zweidimensionalen Papier zusammentreffen.
Das Entgegenblickende und das Angesehenwerden finden in der Zeit um 1920 zu einem neuen Ausdruck, der sich klar abwendet von den piktoralistischen Tendenzen früherer Jahre. Während in den Arbeiten von Heinrich Kühn und Frank Eugene durch die Mittel der fotografischen Unschärfe und malerische Edeldruckverfahren Bildnisse entstehen, die dem tradierten Kunstanspruch gerecht werden sollen, suchen Sander und Renger-Patzsch nach einem ‚wahren’ Abbild. Albert Renger-Patzsch formuliert als Zielsetzung der modernen Fotografie im Deutschen Lichtbild von 1927: "Die Photographie hat ihre eigene Technik und ihre ei¬genen Mittel. Mit diesen Mitteln Effekte erzielen zu wollen, wie sie der Malerei gegeben sind, bringt den Photographen in Konflikt mit der Wahr¬haftigkeit und Eindeutigkeit seiner Mittel, seines Materials, seiner Tech¬nik. […] Das Geheimnis einer guten Photographie, die künst¬lerische Qualitäten wie ein Werk der bildenden Kunst besitzen kann, beruht in ih¬rem Realismus." Die hart aufeinander treffenden fotografischen Positionen, sind bezeichnend für die Zeit und zeigen Parallelitäten zu den an anderen Orten und auf anderen Ebenen diskutierten Kontroversen zwischen Tradition und Moderne.

Das Studio
Das fotografische Atelier ist der Ort, an dem die Grenzen zwischen der traditionellen Bildauffassung und den neuen Sehweisen verschwimmen. Tatsächlich kann man auch nicht davon sprechen, dass mit dem Jahr 1920 oder dem Aufkommen von neusachlichen Theorien die angestammte und weit verbreitete Studiofotografie schlagartig abgelöst wird. Denn parallel zu den Innovationen und Neuerungen des ‚Neuen Sehens’ behalten ältere Standards ihre Gültigkeit. Der Dresdner Fotograf Hugo Erfurth lehnt die neue Technik, flexible Kameras und kürzere Belichtungszeiten kategorisch ab. Er bezeichnete sich selbst als ‚Lichtbildner’ und arbeitet mit seiner großformatigen Plattenkamera und mit Edeldruckverfahren, wie dem Bromöldruck, weil er auf die Einflussnahme bei der Bildentwicklung nicht verzichten will. Trotz seiner zum Ende der 1920er Jahre antiquiert wirkenden Technik, entstehen Porträts, die im Ausschnitt und von ihrer Intensität durchaus modern und zeittypisch erscheinen. Auch bei ihm rücken die Porträtierten zum Greifen nah an den Bildrand, seine neutralen Bildhintergründe stellen das Gesicht frei und die Ausschnitte sind eng, ohne charakterisierendes Ambiente. Vergleicht man die Künstler- und Gesellschaftsporträts Erfurths beispielsweise mit Studioaufnahmen der Fotografinnen Nini und Carry Hess, so wird offensichtlich, wie eng Tradition und Moderne in der Studiofotografie beieinander angesiedelt sind. Die Überschneidungen von gegenläufigen Tendenzen lassen sich vor allem durch die Bildaufgabe erklären und der Anspruch an ein Studioporträt richtet sich hier vor allem nach dem Auftraggeber, sprich dem Kunden.

Das Selbst und ein Anderer
Das Selbstporträt ist ein besonderes Konstrukt, denn hierbei sind Bildgegenstand und Bildgestalter eins und im Idealfall stimmen im Auge des Betrachters und des Bildkonstrukteurs Ergebnis und die Vorstellung davon überein. Der Blick in die Kamera ist gleichzeitig auch ein Blick auf sich Selbst und das erzeugte Bild eine Spiegelung der Selbstdefinition, der Abdruck von Visionen, Wünschen und Vorstellungen, die der Fotograf mit seiner Person und seinen Eigenschaften verbindet.
In den Selbstporträts von Claude Cahun und Gertrud Arndt wird das Inszenieren und Verwandeln vor der Kamera zu einem Suchen und einer Art Neudefinition der eigenen Person. Mit aufwendigen Spitzen, Stoffen und Hüten, erprobt die Bauhauskünstlerin Gertrud Arndt Rollen und Muster des weiblichen Ausdrucks. In der 43-teiligen Serie von 1930 wird sie das naive, puppenhaften Mädchen, die mondäne Verführerin, die geheimnisvolle Schöne oder die strenge Beobachterin: „ […] da brauchen sie nur die Augen aufreißen, schon sind sie ein anderer, oder machen sie den Mund weit auf oder ähnliches, da ist man jemand anders. Und wenn man sich dann noch verkleidet […] doch, das ist man alles selber.“
Die französische Künstlerin Claude Cahun ist zugleich Schauspielerin, Fotografin und Schriftstellerin und inszeniert rund vier Jahrzehnte Rollenmuster und Positionen vor der Kamera, experimentiert mit sich und den Möglichkeiten der Fotografie. Anders als bei Arndt, die selbst von Verkleidung spricht, geht es bei Cahun um eine Selbstvergewisserung, um tradierte weibliche, sowie männliche Verhaltensmuster und Darstellungen. Das Bild in der Ausstellung zeigt sie mit einer verschobenen Gesichtmaske, durch die ihre Augen verdeckt sind. Durch die Schlitze der Maske blickt man auf weiß nachgezeichnete Felder, wie auf blinde, tote Augen – eine Umkehrung zu Umbos Selbstdarstellung und ein Vexierbild zum Verhältnis von Sehen und Anblicken, Selbstwahrnehmung und Verschleierung.
Das fotografische Bild entwickelt sich in dieser Zeit zur Projektions- und Repräsentationsfläche neuer Weiblichkeitsmuster der ‚Neuen Frauen’ und ihrem Selbstverständnis. Neu ist, dass sie nicht mehr allein modellhaft auf der Bildoberfläche erscheinen, sondern auch hinter der Kamera Handanlegen und selbstbewusst Regie führen.

Abbild und Experiment
Eine Veränderung der Studiosituation, wie sie traditionell im Porträtgeschäft vorherrscht, ist erst dann in Sicht, wenn das Atelier zum fotografischen Experimentierfeld wird. Vielansichtige Spiegelungen wie bei der französischen Fotografin Florence Henri, Bildanschnitte wie sie der ungarische Fotograf André Kertész in dem Elisabeth-Bildnis von 1931 markiert oder die Porträts von Walter Peterhans, Meister am Bauhaus in Dessau für die neueingerichtete Fotoklasse von 1929 -1933, bei denen man kaum entscheiden mag, ob es um die Darstellung des Menschen oder die Repräsentation der Dinge geht, seien hier nur beispielhaft genannt. Der Blick auf den Menschen zeugt nicht mehr allein von der Vorstellung, ein Charakterbild zu erstellen oder Selbstdarstellungen zu inszenieren, sondern er richtet sich danach, fotografische Vorstellungen und Strategien umzusetzen, die Möglichkeiten der Technik auszuloten und zu erweitern und diese mit einer mehr imaginären Vorstellung des Gegenübers zu verbinden. Der experimentelle Gebrauch der weiterentwickelten Fototechnik führt zu einer Transformation des Menschenbildes in immer neue Formen. Das Fotogramm des Ungarn Lazló Moholy-Nagy, zwischen 1925 und 1928 entstanden, ist ein Unikat und sicher eines der herausragenden Beispiele für diese Art der Bildfindung. Er selber hat sich, obwohl er ohne Zweifel einer der Wegbereiter und Hauptvertreter des ‚Neuen Sehens’ ist, nie als Fotograf sondern immer als Maler bezeichnet. Das Licht und die Gestaltung mit Licht ist bei ihm der Ausgangspunkt. Er versteht die Fotografie in ihrem wörtlichen Sinn als Lichtmalerei weswegen sie für ihn bei¬spiellos gegen¬über den bisher bekannten optischen Ausdrucksmitteln ist. Ebenso wie die Ver¬fahren seien auch die Ergebnisse unvergleichbar mit an¬deren Medien, wenn sie sich auf ihre eigenen Möglichkeiten stützten. "Schon allein die unendlich feinen Abstufungen der Hell-Dunkel-Variatio¬nen, die das Fenomen Licht in fast immate¬riell wirkender Strahlung zur Ge¬stalt bringen, würden genügen, eine neue Art des Sehens, der optischen Wirksamkeit aufzurichten." Um hierfür ein entsprechendes Ver¬fahren her¬auszufinden, sei es notwendig, eine exakte Sprache des Fotografi¬schen zu entwickeln, deren vorrangigste Bedingung es sei, keinerlei Anlehnung an traditionelle Darstellungsweisen zu zeigen, was auch schwer fällt, betrachtet man das in der Ausstellung vertretene Fotogramm, das in der Zusatzinformation als Selbstporträt ausgewiesen wird.
Einen vergleichbar freien Umgang mit den technischen Möglichkeiten von Kamera und der Lichtempfindlichkeit von fotochemischem Material findet sich im Werk des amerikanischen Künstlers Man Ray. Er rückt Porträts, Solarisationen und Fotogramme ins Zentrum seiner fotografischen Arbeit und auch bei diesen erkennt man, wie bei Moholy-Nagy auch, eine weitergefasste Vorstellung von dem Begriff Porträt. Wiedererkennbarkeit und Charakterisierung von psychologischen Eigenschaften, wie Sander es formuliert hat, lassen sich nur reduziert oder sehr abstrakt wahrnehmen. Sie finden sich nur in fahlen Linien oder schemenhaften Schatten, die wie verwischte Spuren einer kaum merklichen Berührung auf der Fotofläche ihren Abdruck hinterlassen. Ein Anziehungspunkt seiner fotografischen Leidenschaft ist die Amerikanerin Lee Miller, mit der ihn eine Liebes- und Arbeitsbeziehung verbindet. 1929 kommt Lee Miller nach Paris und wird seine Schülerin. Er portraitiert sie ausschnitthaft und als Torso und es ergeben sich beinahe traumhafte Darstellungen einer Frau, die sich erst als Modell einen Namen macht, ab 1930 als selbstständige Fotografin arbeitet und daher mit beiden Seiten der fotografischen Aktes vertraut ist. Ihre frühen Arbeiten zeigen den deutlichen Einfluss des Surrealisten Man Ray und seinen technisch-methodischen Bildverfahren. Ab der Mitte der 1930er Jahre richtet Lee Miller ihre Kamera verstärkt auf Sujets in ihrer direkten Umgebung, die vielfach im Freien aufgenommen werden und schon allein daher einen spontaneren Eindruck wiedergeben, als ihre kalkulierten Studioarbeiten. Ein Beleg ist sicherlich das Schattenportrait der britischen surrealistischen Künstlerin Eileen Agar von 1937. Das kleine Bild zeigt die Silhouette Agars auf den Säulen des Brighton Pavillons. Die geschwungene Steinbasis verzerrt die Schattenfigur und sein Abdruck bekommt etwas Fließendes, nicht Greifbares. Wenn man so will eine Irritation, denn sowohl Schatten, als auch Bewegung sind ephemere Phänomene, die der stillstehenden Struktur der Fotografie widersprechen. Der Schattenriss ist das Urbild der Fotografie, das selbstreferenzielle Abbild, das nur durch die Einwirkung des Lichtes entsteht, eindeutig und dennoch geheimnisvoll bleibt. Darüber hinaus ist die Aufnahmesituation skizziert. Der Schatten links stammt von der Fotografin Lee Miller, die die erhobene Kamera auf ihr Modell richtet, die ebenfalls eine Kamera um den Hals und damit vor ihrem Bauch trägt, die man im Umriss erkennt. Eine vielschichtige Bildkonstruktion, die sowohl Anlass gibt über das Verhältnis von Fotograf und Modell, als auch die Konstitution des fotografisches Abbildes nachzudenken – Bereiche, Rollen und ästhetische Aufgabestellungen, die Lee Miller bestens vertraut sind und in diesem Portrait zum Ausdruck gebracht werden.
Doppelbelichtungen und Überblendungen dienen der erweiterten Aussage über einen spezifischen Menschen, einer Lebens- oder Gesellschaftssituation. Sie zeigen den Wandel von Zeit und Raum in einem Gesamtbild, so etwa in dem um 1931 entstandenen Porträt mit Champs-Elysées von Aenne Biermann oder wie das Selbstporträt (am Punching-Ball) Werner Rohdes von 1926. Bei Biermann kreuzt sich die extreme Nahsicht mit der umgekehrten Aufsicht auf die Strasse, so dass sich die Perspektiven vermischen. Die Augen blicken nach unten und man unterliegt regelrecht der Sogwirkung, die von dem geschäftigen Treiben auf dem berühmten Pariser Boulevard ausgeht. Eine Analyse zum Verhältnis Mensch und Gesellschaft oder eine Pointierung zur Pariser Situation Kunst Ende der 1920er Jahre, die auf die Künstler der Zeit eine große Faszination ausübt? Bestimmt, und darüber hinaus ein Bild, das deutlich macht, dass im Verfahren der Negativmontage die Elemente miteinander in Verbindung und in Konkurrenz treten. „Ein scheinbares Hin- und Herchangieren zwischen der Physiognomie des Porträtierten und ihrem Kontext bzw. der scheinbar nach außen gestülpten Innenwelt des Modells ist die Folge.“ Das Halten und Schlagen des Punching-Balls von Werner Rohde, hat einen ähnlichen Effekt, hinzukommt hier, dass Langzeit- und Doppelbelichtung ineinander greifen, Bewegung und Stillstand zugleich suggeriert werden. Die zwei geballten Fäuste in der Bildmitte – die scheinbar aus dem Bild herausragen – wirken wie ein Affront an den Betrachter, ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die bis zu diesem Zeitpunkt noch daran gewöhnt waren, dass ein Porträt gleichbedeutend ist mit einem beständigen, geschönten, nachhaltigen Bildnis, so wie es die Fotografen vorheriger Generationen im Carte-de-Visite Format ihren Kunden versprachen.
Die Montage als Bildmittel ist keine Bilderfindung der 1920er Jahre, aber ein Verfahren, das auch von den Fotografen der Zwischenkriegszeit verwand wird, um grafisch-gestaltend mit einem Thema umzugehen, wie der Tscheche Eugen Marcolous, der zusätzlich die Kolorierung mit ins Spiel der Bildelemente bringt. Darüber hinaus birgt die Montage auch die Möglichkeit, Bilder zu entwickeln, die auf den ersten Blick surreal erscheinen, fremd und keinen tradierten fotografischen Sehgewohntheiten entsprechen, sondern eher an malerische Traditionen anknüpfen. Herbert Bayers Einsamer Großstädter ist eine Kopiermontage von 1932, die das menschliche Drama, das das Großstadtleben in sich bergen kann, auf einen Nenner zu bringen versucht. Überzeugend traurig blicken einen die Augen aus den flehentlich erhobenen Händen an, rufen aber im Hinterhof der Mietskaserne keine Resonanz hervor. Bayer spielt ganz offensichtlich mit dem Aspekt der Wahrhaftigkeit, der bereits seit den fotografischen Anfängen thematisiert, problematisiert, angezweifelt und eingesetzt wird, mit dem untrüglichen, unbestechlichen Schein, den ein technisches Bild hervorbringt und verwirft ihn gleichzeitig.
Die Diskussionen über den Gehalt der Fotografie ist mit ein wesentlicher Punkt, über den in den neuen Fototheorien zu Beginn des 20. Jahrhunderts debattiert wird. Aber eben nicht allein auf dem gedruckten Papier, sondern auch auf der haudünnen fotochemischen Entwicklungsschicht finden die Auseinandersetzungen ihren Niederschlag, indem Bilder produziert werden – abstrakte, doppelbelichtete, überlagerte, zerschnittene und wieder zusammen gefügte –, die das Konstrukt von echt, wahr, wirklich wahr ins Wanken bringen und konterkarieren.

Der König der Indiskretion
Ein weiterer Schritt raus aus dem angestammten und firmierten Porträtstudio ist der Weg auf die Strasse, ins Tanzstudio, auf die Bühne, in den rollenden Verkehr und in das Nachtleben einer in Bewegung geratenen Epoche.
Der Fotograf wird zum Reporter, die Kamera zum ständigen Beobachter der gesellschaftlichen Ereignisse und der Leser bzw. Betrachter durch die neu entstehende Magazinwelt scheinbar ungebremst überrollt von einer Fotoflut. Angefangen von den deutschen Illustrierten UHU, Berliner Illustrirte Presse, Die Dame oder Scherls Magazin, über Vogue und Vu bis hin zu Harper’s Bazar und Vanity Fair, um nur einige zu nennen, gelangen die fotografierten Bildwelten an die breite Öffentlichkeit und sind aus ihr nicht mehr wegzudenken. Mode- und Werbefotografie, bebilderte Nachrichten, Berichterstattungen aus Krisengebieten, Fotoreportagen und Bildstorys aus der Welt des Glamour und der Stars sind neue fotografische Aufgaben und ein unersättlicher Absatzmarkt.
Erich Salomon gilt als der Pionier des modernen Fotojournalismus. „Nicht die Bedeutung der abgelichteten Personen und Situationen sichert Salomons Fotografien ihren historischen Rang, sondern ihre eigene verdichtete, zu Bildern geronnene, welthaltige und humane Sprache. Sein Auge erfasst die kompliziertesten Gesprächssituationen in dem Augenblick, in welchem sich die Fäden der Kommunikation auf unvergleichliche und unwiederholbare Weise miteinander verbinden.“ Er gilt als der König der Indiskretion, so auch der Titel eines Bildes: ‚Aristide Briand: »Ah, le voilà, le roi des indiscrets!« von 1931. Der französische Diplomat und Politiker im Frack macht seine lachenden Gesprächspartner auf den Fotografen aufmerksam, der in gebührendem Abstand die Gruppe ins Visier nimmt und von einer Zusammenkunft berichtet, von der die Öffentlichkeit vielleicht nichts weiß und ganz sicher ausgeschlossen ist.
Das Bild ist beinahe so etwas wie eine Bildikone der berichtenden Fotografie, die über den gezeigten Moment hinaus vom Verhältnis zwischen Bildreporter und Sujet erzählt. Der Journalist Salomon ist trotz seiner Position hinter der Kamera im Bild anwesend, seine Stellung und Arbeitsweise, seine Entscheidung für den richtigen Moment des Auslösens wird entdeckt und macht die Faszination dieses Bildes aus.
Walker Evans dokumentiert mit seiner Kamera die amerikanische Alltagskultur nach 1930. Seine Serie Subway Portraits aus der New Yorker Untergrundbahn entstehen zwischen 1939 und 1941, zeigen entgleiste und angespannte Gesichter, abwesende und in sich selbst versunkene Menschen, die den Akt des Fotografierens nicht registrieren. Sie zeigen zufällige Begegnungen zwischen Fremden, Menschen die vorbeigehen ohne einander zu beachten. Das besondere an dieser Bildserie ist die gleichzeitige Nähe und Distanz zwischen den Protagonisten. Die Bilder berichten weniger von konkreten Personen als von einer Lebenssituation, die typisch ist für die moderne Welt. Die merkwürdige Intimität der man ausgesetzt ist, wenn man zusammen mit anderen Reisenden in einem geschlossenen Fahrzeug sitzt, die Gesprächsfetzen, die man ungewollt mithört oder denen man heimlich interessiert lauschen kann, den Blicken, die man erwidert oder denen man rigoros eine Abfuhr erteilt, sind Aspekte die in der Reihe zum Ausdruck kommen und Erfahrungen entsprechen, die jeder schon einmal machen musste oder konnte. Der Fremde wird zum Komplizen zwischen zwei Haltestellen und verschwindet dann wieder. Evans beruft sich in seinen anonymen Portraits auf diese Erfahrungen, was diese zu einem verstörenden Dokument moderner Lebenskultur werden lässt. Indiskret? Ganz sicher, denn Evans fotografiert mit einer versteckten Kamera, jedoch zugleich mit einer Form der Indiskretion, die man verzeihen kann, denn sie stellt nicht bloß, sondern macht wach für den menschlichen Ausdruck des Einzelnen in einer schnelllebigen Zeit, die in dieser Epoche in Fahrt gekommen ist.
Der Katalane Agustí Centelles fotografiert im spanischen Bürgerkrieg Flüchtlinge auf der Strasse und die Trauer um die Gefallenen – Teil des Desasters, das der Krieg auslöst. Er beschönt nichts, kennt keinen respektvollen Abstand zum Leid der Anderen. Auch das ist eine Bildaufgabe der neuen Fotografen, die ihre Kamera in den Dienst der Berichterstattung stellen und eine neue Herausforderung für die Medien, die sich als freie Presse versteht und in den 1920er und 30er Jahren neudefiniert und publiziert wird.

Die eingangs zitierten Sätze Tristan Tzaras können als literarisch-surrealistische Äußerung aufgefasst werden und werden, wie Wolfgang Kemp richtig bemerkt , theoretischen Ansprüchen kaum genügen. Der Text stehe vielmehr für den Versuch des Dadaisten und zukünftigen Surrealisten, die Bahn des Gegenstandes Fotografie zu kreuzen, ohne ihn ernsthaft analysieren zu wollen. Das ist sicher ganz richtig und richtig ist auch, dass der Text, dem dieser Absatz entnommen worden ist und als Vorwort zu einem Fotobuch Man Rays diente, Formulierungen in sich birgt, die nicht nur die Zeitgenossen faszinierten.
Das Verhältnis zwischen Fotografie und Kunst wird im positivsten Sinne aufgefasst, denn es entstehen laut Tzara ausgezeichnete Porträts „ohne die Nervosität des Pinsels“ . Das entscheidende an dieser Passage ist aber das, was er über das Verhältnis noch Fotograf und Kamera sagt: Dieser Herr ist ein fotografischer Apparat. Er personifiziert die Technik, macht aus ihr eine unabhängig handelnde Figur, was natürlich nicht haltbar ist, auch damals 1922 nicht und wahrscheinlich auch nicht wörtlich zu nehmen ist. Aber es ist eine schöne Assoziation, in der Fotograf und Kamera als eine Einheit verstanden wird. Und wahrscheinlich ist diese Phrase auch gar nicht so surreal wie es anfänglich scheint, denn betrachtet man die Bilder, die in dieser Zeit entstehen, angefangen von Sanders Gesellschaftskompendium über die neusachlichen Gesichter im Werk von Albert Renger-Patzsch zu den eindrücklichen Frauenporträts Edward Steichens, den experimentellen Fotos der Bauhausfotografen bis hin zu den Beispielen der frühen Bildberichterstatter, ist eins nicht von der Hand zu weisen: Es sind alles Arbeiten, die einen persönlich motivierten, gelenkten Zugang und Ansatz vermitteln. Die Kamera wird zum Bindeglied zwischen den Ereignissen und Gesichtern vor der Linse und der Person dahinter. Im Entscheidungsmoment der Aufnahme sind Fotograf und Kamera unzertrennlich, werden zu dem 'Herr des Bildes', wie Tzara ihn bezeichnet.

Katalogtext in: On the Human Being. Museo Picasso, Malaga, 18.2. – 25.5.2008
(Turner Publisher Madrid)

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