| SO LEBT MAN IM RUHRGEBIET – NICHT NUR – ABER AUCHangesichts der lage.
fotografien von elmar haardt und bernd kleinheisterkamp |
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Zollverein ist das Weltkulturerbe im Ruhrgebiet, Industriekulisse pur und der Ort an dem, wie an keinem anderen, die harten Gegensätze und Fakten, mit denen die Menschen vorort zu kämpfen haben, aufeinander treffen. Der Zollverein, ehemals Zeche und Kokerei im Essener Norden, ist so etwas wie ein Vorzeigemodell dafür, wie Strukturwandel aussehen kann. In alten Schachtanlagen, Maschinenhallen und Waschkauen werden Kultureinrichtungen installiert und integriert, wie das neu entstehende RuhrMuseum, das Designzentrum und das Tanzhaus PACT und zwar mit allem was dazu gehört; Parken, Essen, Trinken inklusive. Es wird viel investiert und das nicht allein im Hinblick auf die Kulturhauptstadt 2010 zu der Essen und das Ruhgebiet auserkoren wurde. Das direkte Umfeld dieses Synonyms für Industriekultur zeigt ein
anderes Gesicht: zergliederte Wohngebiete, eintönige Siedlungsbauten
und ein Lebensraum im Umkreis der ehemaligen Schwerindustrie, der, wie
in fast allen Ruhrgebietsstädten, einer sozial-schwachen Bevölkerung
vorbehalten bleibt. Bernd Kleinheisterkamp kam aus Süddeutschland nach Essen und studierte bei Jörg Sasse an der Gesamthochschule. 2003 begann seine noch nicht abgeschlossene Langzeitstudie über die Siedlungsbauten der 1950er Jahre im Norden der Stadt und er war, sozusagen als Außenseiter, fasziniert von einer Lebensweise, bei der ein Häuserblock dem anderen gleicht, von Wohnanlagen die wirken, als wären sie aus einem Standartmodellbaukasten zusammengesetzt und an deren Monotonie selbst nachträgliche Renovierungen, neue Farben und Anbauten, nicht rütteln können. Architektonische Langweile breitet sich auf Rasenflächen aus, wenn man überhaupt von gestalteter Architektur sprechen möchte. Für jemanden wie mich, der in Essen groß geworden ist, ein Zustand der alles andere als bemerkenswert ist, sondern eher das echte, wahre Leben. Doch das Schöne an Fotografie ist ja, dass man die Möglichkeit eröffnet bekommt, einen Gegenstand mit anderen Augen zu betrachten. Dinge können mittels gewählten veränderten Standorten wahrgenommen werden, die durch ihre Vertrautheit und Alltäglichkeit unsichtbar geworden sind und wieder in den Vorgrund des Bewusstseins gerückt werden. Zumindest ging es mir so mit den Serien von Bernd Kleinheisterkamp, der seine Haus-Paare in Gruppen nach formalen Zusammengehörigkeiten gegliedert hat. Obwohl die Ausstellung auf seine assoziativen Titel wie Elefanten, Bäume oder Unten Mehr, die er seiner Ordnung zugrunde gelegt hat, verzichtet, erkennt man sehr schnell, wo die ästhetischen Vergleichbarkeiten innerhalb eines Fotoblocks liegen. Hier sind es die Fenster, die den Fassaden ein Gesicht verleihen oder die Anordnung der Bäume, die ein Häuserpaar aneinander rücken läßt und miteinander verbindet, das vergleichbare Schattenspiel auf einer müde wirkenden Farbfassade oder das räumliche Verhältnis der Kastenformen untereinander, das eine Bildgruppe als solche entstehen läßt. Wie Zufallsfunde in einer architektonischen Diaspora wirken die Arbeiten, sind aber klar kalkulierte Sichtweisen, in geradem Winkelmaß und entsprechendem Abstand auf eine Lebenswirklichkeit im Ruhrgebiet, die aufgrund des Bildausschnitts und der in jedem Bild angedeuteten künstlich erscheinenden Rasenfläche, an die fein säuberliche Kulisse für Modelleisenbahnen erinnert. Kleinheisterkamp entwickelt Scheinidyllen des Realen und das in einer Nüchternheit, wie sie kühler kaum sein kann. Elmar Haardt hat eine ganz andere Beziehung zu dieser Region, denn für ihn ist die Arbeit an der Serie Nord eine Rückkehr aus Berlin ins Revier seiner Kindheit. Er ist hier aufgewachsen und hat schon allein daher einen anderen Zugang zu den Menschen, die noch immer ihren eigenen Sprachduktus pflegen und für die der Begriff Kumpel eine ganze Lebensbeschreibung beinhaltet, in die Leben, Arbeiten und Wohnen integriert ist. Haardt tritt allerdings nicht als Kumpel auf, dem man blindlings vertrauen muss und der vom Leben so viel zu erwarten hat wie man selbst, sondern als stiller Beobachter, dem es vielleicht aufgrund seiner eigenen Kindheitserfahrung am Rande der Essener Zechenbezirke, ein wenig leichter gefallen ist Zugang in die Innenwelten der Siedlungen zu erhalten. Anders als Bernd Kleinheisterkamp setzt er die Außenansichten von Wohnhäusern, Portraits und Innenräume miteinander in Beziehung und trifft bei seiner Arbeit vor allem auf eine gehörige Portion Skepsis, wenn man den Gesichtsausdrücken trauen kann. Selbst der kleine Junge in seinem Sonntagsanzug - ja so etwas scheint es hier noch zu geben - schaut nicht ablehnend, sondern distanziert und vorsichtig und man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, als wenn dieses Portrait nicht nur eine Momentaufnahme sei, sondern man glaubt den Lebensweg dieses Jungen bereits mit im Auge zu haben. Das ist eine merkwürdige Zeiterfahrung die man in solchen Kinderbildern hat, die weniger mit dem Jungen selbst zutun hat, als mit dem Umfeld, das kaum einen möglichen Ausweg aus einem vorgeschriebenen Lebensumstand andeutet. In allen seinen Portraits scheinen die Modelle mit den selbst gestalteten Interieurs zu verschmelzen. Die teilweise schrillen Muster und Farben verschlucken die ebenso gekleideten Bewohner, oder wirken wie die beste Tarnung, die man sich denken kann. Bald muss man den Junge auf seinem Sofa suchen, der wie ein weiters geschwungenes Element der schwarzen Rückenlehne wirkt oder ein anderer vor einer Wohnungstür, der sich mit aller Macht zu bemühen scheint, neben dem etwa gleich großen Blumenarrangement ein eigenes Bild von sich abzugeben, was aber offensichtlich nicht so einfach ist. Skurrile Wohnambiente zeigen sich in den fotografierten Innenräumen, sehr persönliche und sehr geordnete, jedes Ding scheint an seinem festen Platz zu sein, unverrückbar festgefahren. Ein Bild fällt aus der Serie heraus, nämlich das einer älteren Frau, die mit einem warmen Gesichtsausdruck dem Fotografen die Stirn bietet und dynamischer in ihrer Lebensweise zu sein scheint, als die anderen Portraitierten. Selbst die junge Fußballerin in der Bezirksportanlage Am Hallo, das einzige Stadion in dem zur Zeit in Essen Fußballspiele der 1. Bundesliga ausgetragen werden und zwar von der von der Frauenmannschaft der SG-Schönebeck, wird zu einer Art Standbild. In Haardts Fotografie wird sie in klassischer Kontrapost Pose gezeigt, ein seit der Antike bekanntes bildnerisches Synomym für Beweglichkeit. Doch die geballten Fäusten haben im Bild ein größeres Gewicht, zeugen von Trotz, Stolz und Selbstverleugnung gleichermaßen, die selbst die blutigen, aufgeschlagenen Knie nicht aus der statuenhaften Ruhe lösen können. Beide Projekte, in Ansatz und Visualisierung sehr verschieden, haben etwas gemeinsam und das ist zum einen der kühle Blick der Fotografen, die keine romantische Industriearcheologie betreiben, nicht verklären, noch verurteilen. Zum anderen aber auch das richtige Augenmerk für eine Situation, von der man heute noch nicht sagen kann, wie sie auf die Veränderung, die sozusagen vor der Tür steht, reagieren wird. Darüber hinaus sind diese frei entstandenen Serien vielleicht ein neuer Ansatz für eine systematische Visualisierung des Ruhrgebiets, die bereits Mitte der 1970er Jahre begonnen hat, zu dem Zeitpunkt, als die Folkwang Hochschule für Gestaltung in die neue Gesamthochschule und Uni Essen integriert wurde. 1981 zeigte das Museum Folkwang eine erste Ausstellung zur Ruhrgebietsfotografie mit dem Titel Wie lebt man im Ruhrgebiet, in die Arbeiten von ausgebildeten Fotografen wie André Gelpke, Andreas Horlitz oder Timm Rautert integriert waren, ebenso wie von damaligen Fotostudenten, wie etwa Michael Wolf und zahlreichen Fotoamateuren, die eine Innensicht auf die Region erlaubte. Das Pixelprojekt Ruhrgebiet, zu dem auch Bernd Kleinheisterkamp gehört, bemüht sich seit Jahren durch Projekte und Ausstellungen, sowie ein Online-Portal die fotografischen Positionen zum Ruhrgebiet zu bündeln. Angesichts der Lage, dass das Ruhrgebiet um ein neues Image bemüht ist, angesichts der Lage, dass durch den strukturellen Wandel Kultur und alte Industriestandort in engste Nachbarschaft rücken, ist es nur zu begrüßen, dass der heutige Zustand des Reviers und die Lebensweise seiner Menschen Anlass bietet für neue visualisierte fotografische Aussagen. Ein Ausstellungsprojekt der Stiftung Zollverein Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Kehrer Verlag mit einem Vorwort von Ute Eskildsen und einem Begleittext der Kuratorin Ulrike Westphal.
Bernd Kleinheisterkamp, geb. 1973 in Münster /Westf. Veröffentlicht in: Photonews April 2008 |
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