Rockers Island, so lautet
der Titel des Gemäldes von Moritz Schleime
von 2006, gleichzeitig ist er Namenspatron für die aktuelle Ausstellung
mit Werken aus der Sammlung Olbricht, in die das Gemälde integriert
ist.
Der junge Maler ist dem neuen Berliner Realismus zuzuordnen und er sagt: „Lange
Zeit ging es doch nur darum: ‚Wer malt den schönsten Baum?’ Das
Land braucht aber auch endlich wieder mehr Bilder, die rocken, die authentisch
sind und für die man sich auch mal schämen darf. […]
Das bedeutet keine Beliebigkeit, keine Massenkompatibilität. […]
Natürlich sind die Leute dankbar für schöne erkennbare
Malerei, aber es geht nicht mehr darum, den See zu Ende zu malen. Wir
brauchen wieder tiefer dringende Themen, die direkter vom eigenen Erleben
herrühren. Das ist Rocken.“ (1) Das hier zitierte, farbenprächtige
Bild zeigt dann auch konkret Rocker in Lederkluft, die über der
Reling eines kleinen Bootes hängen, im Hintergrund ein felsige Insel.
Eine skurrile, absurde oder komische Situation? Für Schleime ist
Komik und Ironie in seiner Kunst genauso wichtig wie im wahren Leben. „Sie
kann den düster – bitteren Moment zum hellen Horizont lenken – in
ihr liegt das Wesen aller Dinge.“ (2) Der Maler betont im Bild
und auch verbal die Subjektivität seiner Wahrnehmung – eine
Leitlinie, die genauso in anderen zeitgenössischen Arbeiten wiederzufinden
ist und auch in der Privatsammlung Thomas Olbrichts zum Ausdruck kommt.
Obwohl im Mittelpunkt der Ausstellung nicht die Person des Sammlers
steht, sondern die Vielzahl der Künstler und ihre Werke, sowie der
visuelle Dialog zwischen Kunstformen, Stilen und Epochen, sollte man
fragen, wer der Mann hinter dieser Wunderkammer ist? Der Rückschluss
hergeleitet vom Ausstellungstitel, Thomas Olbricht sei ein Rocker, der
eine Art Inseldasein in der internationalen Kunstwelt führe, ist
ganz sicher falsch! Dennoch trifft die Definition Schleimes auch partiell
auf den Zusammensteller dieser einzigartigen Kollektion zu – Olbricht
faszinieren tiefer gehende Themen, die anknüpfen an die eigene Erlebnis-,
Gefühls- und Wahrnehmungswelt. So will er aber in keiner Weise schockieren,
sondern mit dieser Präsentation ein Bilderkonvolut der Öffentlichkeit
zur Verfügung stellen, das berührt, einen trifft und Sichtweisen
auf Dinge offenbart, die wir oftmals verdrängen oder so in unser
Leben integriert haben, dass wir sie nicht mehr erkennen/ kaum noch wahrnehmen.
Der Körper als äußere Hülle und Ausdrucksmedium
menschlicher Regung und Erregung, Verletzbarkeit und Vergänglichkeit
ist ein Hauptaspekt der Sammlung. Man darf annehmen, dass diese Affinität
von seinem Beruf als Arzt herrührt, darüber hinaus sind aber
Themen wie Eros, Sexualität, Veränderung und Tod dem Wesen
nach nur allzumenschlich, sie treiben uns an, können uns in Erstaunen
versetzen oder auch verstören. Jean-Christoph Ammann schreibt im
Vorwort von Olbrichts Sammlungskataloges Most wanted: „Ideen flottieren,
docken sich an, vermengen sich, trennen sich, hinterlassen Spuren, lagern
sich ab revitalisieren und verflüssigen sich, sind plötzlich
hier und da, ein bisschen überall. Letztlich weil sie von Menschen
stammen und deren anthropologischen Bedingtheiten. Und diese Bedingtheiten
sind, wenn auch kulturell codiert, universal: Zum einen besteht der Mensch
aus Zeit, Angst, Tod und Sexualität. Zum anderen sind nicht weniger
genuin Ordnung und Unordnung, Suchen und Finden, das Ähnliche und
Verschiedene. Mit anderen Worten: Der Mensch ist ein Klumpen Zeit; Angst
ist existentiell (im Unterschied zu Furcht); der Tod wie die Sexualität
sind uns eingeschrieben. Ordnung und Unordnung sind generative Prinzipien
und nur komplementär zu verstehen.“ (3)
Die Kunst gibt Dinge wieder und nimmt sie aber auch vorweg, die in unserem
Leben eine Rolle spielen. Die Themen der zeitgenössischen Kunst
ergeben sich aus der Gegenwart, mal sehr subjektiv empfunden, mal mit
dem Anspruch aus diesen Zeitthemen eine allgemeingültigere Aussage
zu treffen. Demnach ist es verständlich, dass die Sammlung-Olbricht
keine homogene, in Werkgruppen chronologisch aufgebaute ist, sondern
sehr disparat und vielseitig. Das Spektrum reicht von der jüngeren
Kunstgeschichte, über die aktuelle internationale Szene und erlesene
Vasen des Jugendstils bis hin zu Objekten und Vanitas- bzw. Vergänglichkeitsdarstellungen
des 16. /17. und 18. Jahrhunderts. Sucht man hier nach einem gemeinsamen
Nenner, so muss man sich fast geschlagen geben. Dennoch was auffällt
sind Kompositionen von ungeheurer Dichte, ob sie nun von Menschen oder
von Historie erzählen. Das 'Inselreich des Rockers' ist kaleidoskopisch
zu betrachten und es ist facettenreich wie die Menschen selber.
Das Museum Folkwang präsentiert die bislang umfangreichste Ausstellung
der Essener Sammlung Olbricht – und auch diese ist nur ein Ausschnitt
der gesamten Kollektion. Sie wird im gesamten Altbau gezeigt auf 2500
Quadratmetern. Der Zeitpunkt der Ausstellung ist gut gewählt, denn
in diesem Frühsommer finden in Deutschland andere internationale
Großveranstaltung zur zeitgenössischen Kunst statt, wie die
documenta in Kassel oder die skulpturen projekte in Münster. Aktuelle
internationale und nationale Kunst ist somit ein Thema, welches auch
in unterschiedlichen Bereichen auch in Schulen einen Widerhall finden.
Mittels Kunst optische Reize auszulösen, Wahrnehmungsprozesse in
Gang zu setzen und Denkanstösse zu vermitteln und das auf den verschiedensten
Ebenen, mit den unterschiedlichsten Medien ist eine Chance.
Die Ausstellung Rockers Island bietet durch ihrer Vielseitigkeit und
Qualität diverse Ansätze zur Betrachtung und Diskussion, die
auch für jugendliche Museumsbesucher von Interesse sind. Unser vorliegendes
Lehrerinformationsmaterial stellt im folgenden verschiedene Aspekte aus
der Ausstellung vor, die als Anregung für einen Ausstellungsbesuch
dienen. Darüber hinaus sind sie als Ausgangspunkte für eine
Weiterführung im Unterricht geeignet und das nicht allein für
den Kunstunterricht. Philosophische und ethische Aspekte, wie sie beispielsweise
in den Fächergruppen der Gesellschaftswissenschaften thematisiert
werden oder historische Fragestellungen der Geschichts- und Sozialwissenschaften
können visuell hinterfragt oder überprüft werden.
Christiane Kuhlmann
Veröffentlicht im Museum Folkwang Begleittext zur Ausstellung
1 Endstation Imbissbude. Moritz Schleime im Interview. Berlin Art
Info, 05-11
2 Ebd.
3 Jean-Christoph Ammann: Vorwort in: Most wanted. The Olbricht Collection, hg.
v. Axel Hell, Wolfgang Schoppmann, Köln 2005
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