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Rockers Island. Werke aus der Sammlung Olbricht

museum folkwang, essen, 5. mai – 1. juli 2007

Rockers Island, so lautet der Titel des Gemäldes von Moritz Schleime von 2006, gleichzeitig ist er Namenspatron für die aktuelle Ausstellung mit Werken aus der Sammlung Olbricht, in die das Gemälde integriert ist.
Der junge Maler ist dem neuen Berliner Realismus zuzuordnen und er sagt: „Lange Zeit ging es doch nur darum: ‚Wer malt den schönsten Baum?’ Das Land braucht aber auch endlich wieder mehr Bilder, die rocken, die authentisch sind und für die man sich auch mal schämen darf. […] Das bedeutet keine Beliebigkeit, keine Massenkompatibilität. […] Natürlich sind die Leute dankbar für schöne erkennbare Malerei, aber es geht nicht mehr darum, den See zu Ende zu malen. Wir brauchen wieder tiefer dringende Themen, die direkter vom eigenen Erleben herrühren. Das ist Rocken.“ (1) Das hier zitierte, farbenprächtige Bild zeigt dann auch konkret Rocker in Lederkluft, die über der Reling eines kleinen Bootes hängen, im Hintergrund ein felsige Insel. Eine skurrile, absurde oder komische Situation? Für Schleime ist Komik und Ironie in seiner Kunst genauso wichtig wie im wahren Leben. „Sie kann den düster – bitteren Moment zum hellen Horizont lenken – in ihr liegt das Wesen aller Dinge.“ (2) Der Maler betont im Bild und auch verbal die Subjektivität seiner Wahrnehmung – eine Leitlinie, die genauso in anderen zeitgenössischen Arbeiten wiederzufinden ist und auch in der Privatsammlung Thomas Olbrichts zum Ausdruck kommt.

Obwohl im Mittelpunkt der Ausstellung nicht die Person des Sammlers steht, sondern die Vielzahl der Künstler und ihre Werke, sowie der visuelle Dialog zwischen Kunstformen, Stilen und Epochen, sollte man fragen, wer der Mann hinter dieser Wunderkammer ist? Der Rückschluss hergeleitet vom Ausstellungstitel, Thomas Olbricht sei ein Rocker, der eine Art Inseldasein in der internationalen Kunstwelt führe, ist ganz sicher falsch! Dennoch trifft die Definition Schleimes auch partiell auf den Zusammensteller dieser einzigartigen Kollektion zu – Olbricht faszinieren tiefer gehende Themen, die anknüpfen an die eigene Erlebnis-, Gefühls- und Wahrnehmungswelt. So will er aber in keiner Weise schockieren, sondern mit dieser Präsentation ein Bilderkonvolut der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, das berührt, einen trifft und Sichtweisen auf Dinge offenbart, die wir oftmals verdrängen oder so in unser Leben integriert haben, dass wir sie nicht mehr erkennen/ kaum noch wahrnehmen.
Der Körper als äußere Hülle und Ausdrucksmedium menschlicher Regung und Erregung, Verletzbarkeit und Vergänglichkeit ist ein Hauptaspekt der Sammlung. Man darf annehmen, dass diese Affinität von seinem Beruf als Arzt herrührt, darüber hinaus sind aber Themen wie Eros, Sexualität, Veränderung und Tod dem Wesen nach nur allzumenschlich, sie treiben uns an, können uns in Erstaunen versetzen oder auch verstören. Jean-Christoph Ammann schreibt im Vorwort von Olbrichts Sammlungskataloges Most wanted: „Ideen flottieren, docken sich an, vermengen sich, trennen sich, hinterlassen Spuren, lagern sich ab revitalisieren und verflüssigen sich, sind plötzlich hier und da, ein bisschen überall. Letztlich weil sie von Menschen stammen und deren anthropologischen Bedingtheiten. Und diese Bedingtheiten sind, wenn auch kulturell codiert, universal: Zum einen besteht der Mensch aus Zeit, Angst, Tod und Sexualität. Zum anderen sind nicht weniger genuin Ordnung und Unordnung, Suchen und Finden, das Ähnliche und Verschiedene. Mit anderen Worten: Der Mensch ist ein Klumpen Zeit; Angst ist existentiell (im Unterschied zu Furcht); der Tod wie die Sexualität sind uns eingeschrieben. Ordnung und Unordnung sind generative Prinzipien und nur komplementär zu verstehen.“ (3)
Die Kunst gibt Dinge wieder und nimmt sie aber auch vorweg, die in unserem Leben eine Rolle spielen. Die Themen der zeitgenössischen Kunst ergeben sich aus der Gegenwart, mal sehr subjektiv empfunden, mal mit dem Anspruch aus diesen Zeitthemen eine allgemeingültigere Aussage zu treffen. Demnach ist es verständlich, dass die Sammlung-Olbricht keine homogene, in Werkgruppen chronologisch aufgebaute ist, sondern sehr disparat und vielseitig. Das Spektrum reicht von der jüngeren Kunstgeschichte, über die aktuelle internationale Szene und erlesene Vasen des Jugendstils bis hin zu Objekten und Vanitas- bzw. Vergänglichkeitsdarstellungen des 16. /17. und 18. Jahrhunderts. Sucht man hier nach einem gemeinsamen Nenner, so muss man sich fast geschlagen geben. Dennoch was auffällt sind Kompositionen von ungeheurer Dichte, ob sie nun von Menschen oder von Historie erzählen. Das 'Inselreich des Rockers' ist kaleidoskopisch zu betrachten und es ist facettenreich wie die Menschen selber.

Das Museum Folkwang präsentiert die bislang umfangreichste Ausstellung der Essener Sammlung Olbricht – und auch diese ist nur ein Ausschnitt der gesamten Kollektion. Sie wird im gesamten Altbau gezeigt auf 2500 Quadratmetern. Der Zeitpunkt der Ausstellung ist gut gewählt, denn in diesem Frühsommer finden in Deutschland andere internationale Großveranstaltung zur zeitgenössischen Kunst statt, wie die documenta in Kassel oder die skulpturen projekte in Münster. Aktuelle internationale und nationale Kunst ist somit ein Thema, welches auch in unterschiedlichen Bereichen auch in Schulen einen Widerhall finden. Mittels Kunst optische Reize auszulösen, Wahrnehmungsprozesse in Gang zu setzen und Denkanstösse zu vermitteln und das auf den verschiedensten Ebenen, mit den unterschiedlichsten Medien ist eine Chance.
Die Ausstellung Rockers Island bietet durch ihrer Vielseitigkeit und Qualität diverse Ansätze zur Betrachtung und Diskussion, die auch für jugendliche Museumsbesucher von Interesse sind. Unser vorliegendes Lehrerinformationsmaterial stellt im folgenden verschiedene Aspekte aus der Ausstellung vor, die als Anregung für einen Ausstellungsbesuch dienen. Darüber hinaus sind sie als Ausgangspunkte für eine Weiterführung im Unterricht geeignet und das nicht allein für den Kunstunterricht. Philosophische und ethische Aspekte, wie sie beispielsweise in den Fächergruppen der Gesellschaftswissenschaften thematisiert werden oder historische Fragestellungen der Geschichts- und Sozialwissenschaften können visuell hinterfragt oder überprüft werden.


Christiane Kuhlmann

Veröffentlicht im Museum Folkwang Begleittext zur Ausstellung

 

1 Endstation Imbissbude. Moritz Schleime im Interview. Berlin Art Info, 05-11
2 Ebd.
3 Jean-Christoph Ammann: Vorwort in: Most wanted. The Olbricht Collection, hg. v. Axel Hell, Wolfgang Schoppmann, Köln 2005

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