Hell strahlt das große
Gebäude der ehemaligen Holland-Amerika Linie am Rotterdamer Wilheminapier,
einer schmalen Landzunge in der Maasmündung am Kop van Zuid. Seit
der Gründung der Schifffahrtslinie 1901 stachen von hier aus Hunderttausende
aus allen Teilen Europas in See, um in den Vereinigten Staaten ein neues
Leben zu beginnen. Ein windiger Ort, im wahrsten Sinne des Wortes und
wenn man wissen möchte, was Rotterdam von anderen niederländischen
Städten unterscheidet, dann wird es hier besonders deutlich: Eine
Stadt in Bewegung, in der Arbeit und Leben fließend ineinander übergehen,
die sich immer wieder von neuem auf Veränderungen eingestellt hat,
wo Gegenwind alltäglich ist und in der man offensichtlich darauf
setzt, dass Traditionen zwar respektiert aber nicht zwingend Bestand
haben müssen.
Das Nederlands Fotomuseum hat schon 2001 den Kurs in Richtung Las Palmas
eingeschlagen, ein Industriegebäude der gleichen Schifffahrtslinie,
das 1953 errichtet wurde. Es ist das einzige nationale Museum für
Fotografie und sein Zustandekommen verdankt es dem Traum eines Fotoamateurs:
Hein Wertheimer (1913 – 1997), von Hause aus Jurist, träumte
von einem Ort, an dem Fotografie im besten Sinne verwahrt, gepflegt, erforscht
und ausgestellt werden könnte und dafür hinterließ er nach
seinem Tode rund 10 Millionen Euro. Echtes Mäzenatentum, dass nun
das Rotterdamer Museum an die Spitze der niederländischen Fotoinstitute
manövrierte. Eine Position, die das Museum aber aufgrund seiner Struktur,
dem Zusammenschluss von Nederlands Fotoarchiv und Fotomuseum, sowie seinen
vielfältigen Kooperationen mit anderen Sammlungen, auszufüllen
weiß.
Die Sammlung beherbergt die Nachlässe von rund 130 Fotografen, darunter
Paul Citroen, Martien Coppens, Ed van der Elsken, Cas Oorthuys und Piet
Zwart, sowie zahlreicher Amateure wie Hein Wertheimer oder Katharina Berend.
Bei besten Bedingungen, 3 Grad für Farbnegative und Dias, 13 Grad
für schwarz-weiss Negative und 18 Grad für Abzüge und Dokumente,
lagern hier drei Millionen Negative, 250.000 Dias und gut 400.000 Prints,
die jetzt nach und nach an ihren neuen Bestimmungsort verfrachtet werden.
Das Las Palmas Gebäude ist von außen klar strukturiert und
die unzähligen Fenster geben das Versprechen eines lichtdurchfluteten
Inneren. Betritt man den Betonbau durch die breite Eingangpassage, so
wird man allerdings eines Besseren belehrt. Nur das Foyer lässt
lichte Durchblicke zu, die eigentlichen Ausstellungsräume des Fotomuseums
sind nach außen abgeschottet. Verantwortlich für den Gesamtumbau
ist der Architekt Jan Bentheim, der zum Beispiel auch das verwinkelte
Grachtenhaus auf der Amsterdamer Keizersgracht ins Fotomuseum FOAM verwandelte
oder die ausgediente Fabrik ins Tilburger De Pont Museum, eines der schönsten
Museen in den Niederlanden überhaupt. Der Innenausbau lag in den
Händen des Designers Joost Alferink, der sich mit hohen Betonwänden
und Stützpfeilern konfrontiert sah, die erst einmal kaum Möglichkeiten
boten das klare Außenkonzept ins Innere zu übertragen. Auf
beiden Ausstellungsebenen bediente er sich eines wandelbaren Hängesystems.
Damit entwickelte er nicht nur kleine Kabinette, sondern die wie freischwebend
wirkenden Wandscheiben lassen Durchblicke zu, trennen und verbinden gleichzeitig.
Diese Konstruktion erinnert an die ursprüngliche Nutzung des Hauses
als Lagerhalle, wo Flexibilität entsprechend der jeweiligen Anforderung
gefragt war.
Der Umzug vom kulturellen Zentrum der Stadt an der Witte de Withstraat,
heraus aus der direkten Nachbarschaft zu den anderen renommierten Rotterdamer
Museumsinstituten, übers Wasser an den Wilhelminapier war ein Kraftakt,
der schlussendlich binnen drei Wochen bewältigt werden musste. Die
beiden Eröffnungsausstellungen ‚Dutch Eyes’ und ‚Panorama
Las Palmas’ mit denen das Museum vom Stapel läuft sind jeweils
thematische Übersichten.
Die erste widmet sich im Erdgeschoss akribisch der Darstellung der Geschichte
der niederländischen Fotografie, die zweite im Untergeschoss zeigt
wie Fotografen unterschiedlichster Prägung den neuen Standort des
Museums in den vergangenen 150 Jahren gesehen und festgehalten haben.
Das ambitioniertere Projekt ist sicherlich die Ausstellung ‚Dutch
Eyes’, denn es verfolgt nicht nur den Anspruch erstmalig wieder
seit 25 Jahren die Entwicklung des Genres in den Niederlanden repräsentativ
neu zu erzählen, sondern ist darüber hinaus auch eine Standortbestimmung
des Fotomuseums als Institution: Hier am zugigen Rotterdamer Pier, soll
aussagekräftig das facettenreiche Bild der Fotografie in den Niederlanden
ins rechte Licht gerückt werden. An der konkreten Beleuchtung haperte
es zur Eröffnung noch an manchen Stellen, ließ manche Ausstellungsbereiche
im Dunkeln oder verdammte sie zu einem Schattendasein – elektrische
Probleme, die man aber getrost als unwesentliche Startschwierigkeiten
abtun kann und die sicher zukünftig von der erfahrenen Crew gemeistert
werden. Vorangegangen ist der Ausstellung ein breitangelegtes Forschungsprojekt
zur Entwicklung, den Erscheinungsformen und den Menschen in der niederländischen
Fotografie von 1840 bis heute. Im Januar 2005 startete dieses Vorhaben
mit einem Studientag unter dem gleichnamigen Titel ‚Dutch Eyes’.
Es wurde auf unterschiedlichen Ebenen diskutiert woran man die Besonderheit
dieser Fotografie festmachen könne und ob sie so etwas wie eine
eigene niederländische Identität widerspiegeln könne.
Eine schwierige Fragestellung und aus deutscher Sicht eine, die man hierzulande
so nicht stellen könnte. Aber bereits zu dieser Zeit wurde deutlich,
dass eine nationale Fotogeschichte nicht eine einzige Lesart haben kann,
sondern aus parallelen Erzählungen, mit unterschiedlichen Vorzeichen
zu sehen ist, bedingt durch Epochen und Phänomene. Herausgekommen
dabei ist jetzt ein schwergewichtiges Buch mit dem Titel ,Neue Geschichte
der Fotografie in den Niederlanden’, es liegt in niederländischer
und englischer Sprache vor, bei dessen Kauf es ratsam sein kann, das
Bücherregal vorab auf seine Standfestigkeit zu überprüfen.
Das Buch selber hält seinem tituliertem Versprechen stand und zeigt
ausgehend von Positionen aktueller Fotografen die Entwicklung, Facetten
und Besonderheiten auf. Es ist zugleich der Leitfaden zur Ausstellung ‚Dutch
Eyes’, obwohl das Kuratorenteam um den Ausstellungsleiter Frits
Gierstberg Wert darauf gelegt hat, eben nicht ein Fotobuch an der Wand
zu präsentieren. Die Crux, einen zeitlichen Verlauf aufgreifen zu
wollen, der in sich nicht stringent ist, bringt es mit sich, dass man
die offensichtlichen Querverbindungen und Verweise sichtbar machen muss
und, wie in der aktuellen Präsentation, auch will. Deshalb wird
kein direkter Weg vorgegeben, sondern man bewegt sich wie in einem Labyrinth
aus aneinander gereihten Themengruppen und kann zu jeder Zeit in tiefere
Regionen eintauchen oder an die Peripherie zurückkehren. Die Ausstellungsarchitektur
lässt dieses Vor und Zurück zu. Allerdings hätte man sich
an manchen Stellen größere Abstände und mehr Platz für
Einzeldarstellungen gewünscht. Festgehalten haben die Kuratoren
an dem assoziativen Begriff des Blickes und entwarfen daraus ein überraschendes
Konzept: Betroffene Augen – Engagement in der Fotografie; Das bewegte
Auge – Die Verbindung zwischen Film und Fotografie; Der Blick auf
die Anderen – Schauen nach dem exotisch Anderen; Die gestaltbare
Vision – Die gestaltbare niederländische Landschaft; Der neue
Blick – Der Beginn der Fotografie; Der malerische Blick – Höhepunkte
des Pikturalismus; Das vorsehende Auge – Die frühen Natur-
und Wissenschaftsfotografen; Das scharfe Auge – Fotomontage und
Typografie; Schauen auf das Medium selbst – Konzeptuelle und Experimentelle
Annährungen; Der doppelte Blick – Das Fotobuch. Manche Themen
zeigen sich als geschlossene Einheit und versammeln, wie man es zur Zeit
so gerne nennt, Highlights. Der Komplex der Kunstfotografen gehört
hierzu und auch, wenn Willem Witsens durchdringendes Portrait von Lise
Jordan von 1891 wohl bekannt ist, freut man sich ihm wieder zu begegnen.
Es stammt aus der nationalen Fotosammlung, die im Rijksmuseum Amsterdam
untergebracht ist und es ist eines der vielen Leihgaben, die aus den
umliegenden Archiven und Sammlungen in die Schau integriert wurden. Erkennbar
wird hieran eine weitere Verfahrensweise des neuen Fotomuseums, denn
man will hier letztlich nicht allein Ausstellungsort der eigenen Bestände
sein, sondern man sucht den Kontakt zu anderen Instituten und setzt auf
Allianzen und Kooperationen. Die Präsentation von unbekannteren
Fotografen, wie etwa die des Naturfotografen Richard Tepe, deuten an,
welche Aufgaben sich das Museum bezüglich einer konkreten Aufarbeitung
von Nachlässen, die im angeschlossenen Nederlands Fotoarchiv konserviert
sind, stellt. Aber man stößt auch auf bedeutende Namen wie
etwa Rineke Dijkstra, vielleicht aber in ungewöhnlichen Zusammenhängen.
Ihre Arbeiten sind im Bereich ‚Der Blick auf die Anderen – Schauen
nach dem exotisch Anderen’ ausgestellt. Ed van der Elsken wird
der doppelte Blick in Verbindung mit seinem Fotobuch ‚Een liefdesgeschiedenis
in St. German de Prés’ zugeschrieben. Ikonen gesellen sich
zu Amateuraufnahmen, Dokumentationen stoßen auf Experimente – ein
durchgängiges Prinzip, dass auch im Untergeschoss fortgeführt
wird. Bei der von Gastkurator Joop de Jong zusammengestellten Präsentation ‚Panorama
Las Palmas’ dreht sich alles um das Leben, das Treiben und die
unvermeidbaren Katastrophen auf dem Pier. Der Rhythmus ist hier durchgängiger
und verbindet sich zu einer einzigartigen Geschichte, die bei den aktuellen,
futuristisch anmutenden Architekturaufnahmen von Frank van der Salm endet.
Man hat sich viel vorgenommen in Rotterdam, neben den traditionellen
musealen Aufgaben versteht man sich als Informationszentrum für
Amateure, Studenten und sucht den direkten Kontakt mit allen Foto-Interessierten.
Hierbei setzt man stark auf ein umfangreiches Vermittlungsprogramm. Die
Ausstellung ‚Dutch Eyes’ ist ein Blickfang, der nicht allein
die Fotogeschichte aufrollt, sondern einen programmatischen Auftakt zeichnet,
der neugierig darauf macht, wie das neue Flaggschiff der niederländischen
Fotomuseen, das jetzt „Ahoi und Leinen los“ gerufen hat,
seine Fahrt fortsetzt.
Nieuwe geschiedenis van de fotografie in Nederland. Dutch Eyes / A critical
History of Photography in the Netherlands. Dutch Eyes, ed. by Flip Bol,
Mattie Boom, Frits Gierstberg, Ingeborg Th. Leijerzapf, Adi Martis, Anneke
van Veen, Hripsimé Visser, Waanders Uitgevers Zwolle 2007
ISBN für die niederländische Ausgabe: 978 90 400 8337 2
ISBN für die englische Ausgabe: 978 90 400 8380 8
Veröffentlicht in: Photonews Mai 2007
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