| portraitshellen van meene im gespräch mit christiane kuhlmann |
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Hellen, im Dezember eröffnet im Essener Museum Folkwang deine erste Ausstellung in Deutschland, die gleichzeitig auch die erste Übersichtsausstellung ist. Wie siehst du deine eigene Entwicklung, was hat sich im Laufe der Zeit verändert? Hellen van Meene: Zu Anfang habe ich mich eigentlich
nur in meiner direkten Umgebung mit der Kamera bewegt. Ich sprach Menschen
auf der Strasse an
und arbeitete mit Modellen aus meinem eigenen Lebensumfeld. Einige dieser
Mädchen, die zu Anfang 8 oder 9 Jahre waren, habe ich über
eine lange Zeit immer wieder fotografiert, so dass es bei meinen früheren
Werken zu Wiederholungen kommt: das selbe Gesicht in immer wieder anderen
Settings. Das hatte eine Form von Sicherheit, sowohl für mich, aber
auch für die Mädchen die mit mir zusammen arbeiteten. Man kannte
mich und es war einfach Absprachen einzuhalten. Ich ging dann immer von
den Dingen aus, die ich mir vorstellte, plante die Inszenierung und konnte
sozusagen auswählen aus einer Reihe von Modellen, um ein bestimmtes
Foto zu realisieren - wie bei dem Mädchen mit der Kaugummiblase
und dann guckte ich in meinen Katalog und überlegte wer am besten
zu meiner Vorstellung passte. Dann hatte ich aber das Gefühl, dass
ich mit dieser Vorgehensweise nicht mehr weiter kam – ich hatte
von den Mädchen die um mich herum lebten eine Reihe von Fotos gemacht
und diese Phase dauerte etwa 8 Jahre vom Anfang meines Studiums 1992
bis 2000. Ich suchte dann eine neue Herausforderung und die Einladung
nach Japan zu kommen, um dort für die Architektur Biennale 2000
in Venedig zu fotografieren, war der Beginn einer neuen Phase. Mich reizte
die Auseinandersetzung mit Unvorhergesehenem, auf neue Gesichter zu treffen
und eine Kommunikation in einer Sprache, die mir fremd ist. Das ganze
führte dazu, dass ich viel schneller reagieren, schnelle Entscheidungen
treffen musste und dass es bei einmaligen Begegnungen blieb. Für
mich war das wie ein frischer Wind. Es hatte etwas von Vorübergehen.
Und in dieser Flüchtigkeit versuchte ich jemanden zu suchen und
zu finden. Wenn man die Arbeiten mit einander vergleicht fällt auf, dass die Inszenierungen der neueren Portraits zurückhaltender sind. Hellen van Meene: Ja, dass ist sicher wahr. Es ist etwas stiller geworden. Früher haben mich so Dinge interessiert wie beispielsweise lange Haare im Wasser aussehen. Aber solche Inszenierungen funktionieren nicht, wenn man unterwegs ist, und das habe ich auch lang genug gemacht. Heute sind es kleinere Dinge, die ich einer Szene zufügen: mal eine Spange, Lippenstift oder etwas an der Kleidung verändere. Aber auch in meinen ersten Fotos gibt es welche, die ohne große Inszenierungen auskommen und weniger theatralisch sind. Gibt es einen Ort, der dich besonders beeindruckt? Hellen van Meene: Eigentlich kann man es so sagen: Es ist mir aufgefallen, dass die Lebensphase des Erwachsenwerdens ein Phänomen ist, dass überall gleich ist. Verletzbarkeit und Unsicherheit oder Spannung und Nervosität, die sich zu etwas Neuem entwickelt, ist international. Der Unterschied besteht darin, dass Gesichter auch immer etwas in sich tragen, dass mit der Form zu tun hat, wie die Menschen aufgewachsen oder sozialisiert sind. Aber ich muss auch sagen, dass Russland und Osteuropa für mich sehr besonders waren – eine fantastische Erfahrung. Das Reisen gibt mir sehr viel, aber vielleicht ist das normal. Wenn man zum Beispiel bei sich zu Hause ein regionales Museum hat, dann geht man da nicht hin, weil man denkt – das ist mir alles schon bekannt. Wenn man aber woanders ist, ist man neugierig auf alles, was einem geboten wird und man läuft auch schon mal in ein Briefmarkenmuseum, was man in seiner eigenen Stadt nie tun würde. Ich bin andernorts offener, nehme mehr Dinge in mir auf und da ist eigentlich egal, wo das genau ist. Es ist immer wieder eine Herausforderung sich auf was Neues einzustellen, am trifft andere Entscheidungen. Außerdem will ich es auch für mich selbst spannend halten. Die Schnelligkeit sieht man den Fotos und Modellen nicht an und es scheint ab und zu so, als ob es echte Profis vor der Kamera sind. Wie groß ist dein Einfluss auf die Jugendlichen in diesen kurzen Aufnahmemomenten? Hellen van Meene: Zuerst ist es immer so, dass mir Kleinigkeiten bei jemandem auffallen, die vielleicht erst mal nicht so besonders sind. Wenn man aber jemanden aus einer Gruppe auswählt, aus seinem angestammten Zusammenhang heraus nimmt und an eine anderen Stelle postiert bekommen diese Kleinigkeiten ein anderes Gewicht – dann sieht man erst Details, etwa wie weiß die Haut ist oder welche Ähnlichkeit zwischen einer ‚Teenagemother’ und ihrem Baby ist. Ich habe mittlerweile aber auch gelernt an wirklich vollen und öffentlichen Orten zu fotografieren. Man findet überall kleine Ecken um zu fotografieren, ob das nun ein kleiner Park neben einer Strasse ist oder eine Mauer, die den Trubel rundherum abschirmt. Es ist nicht immer ideal, aber wenn man jemanden nur einen Schritt aus dem Strom von Leuten herausnimmt, kann man ruhig sprechen, sofern es in diesen fremden Sprachen klappt. Es ist eine Begegnung mit jemandem Fremden und es kommt mir manchmal so vor wie eine Art fiktives Kokon, in dem ich, die Kamera und das Modell zusammen versponnen sind. Der Abstand beträgt oft nicht mehr als ein, zwei Schritte und ich bin dabei sehr konzentriert, wodurch zwangläufig eine gewisse Stille einsetzt und ich kann das ganze Drumherum außen vor lassen. Wie lange dauert dann so eine Portraitsitzung? Hellen van Meene: Ich bin dann wie gesagt sehr schnell, weil ich auch will, dass die Modelle sich gut vor der Kamera fühlen. Manchmal sind es nicht mehr als 7 oder 8 Minuten. Ich habe auch nicht viele Filme dabei, weil ich denke, dass ein Filmwechsel die Konzentriertheit aufhebt. Ich mache dann mehrere Aufnahmen und es kann passieren, dass ich ganz enthusiastisch werde und denke ich könnte dies und das noch ausprobieren. Aber eigentlich tue ich das nur, wenn ich mir sicher bin, dass bei den vorherigen Fotos sicher eines dabei war, von dem ich selbst denke, dass es genau das so ist wie ich es haben wollte. Ich habe die Erfahrung gemacht, auch wenn die Umgebung unglaublich unruhig ist, wie beispielsweise in einem japanischen Spielwarengeschäft, die Modelle zumindest für kurze Momente meiner Konzentriertheit folgen. Du hast von Anfang an immer das kleine Format 30 x 30 oder 40 x 40 beibehalten, wie wirkt sich das auf den Betrachter aus? Hellen van Meene: Natürlich ist manchmal sehr interessant und überwältigend Großformate an der Wand zu sehen, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich das Gefühl, meine Fotografie wird per se nicht viel besser wenn sie großformatig abgezogen wird. Das Negativ ist auch nicht danach, ich arbeite mit 6 x 6. Außerdem es ist doch immer so, wenn man vor einem 2 Meter Bild in einem Museum oder Galerie steht muss man, um einen Gesamteindruck zu haben, einen entsprechenden Abstand haben. Es stehen immer Menschen neben einem und man muss den Anblick mit jemanden teilen. Man kann bei dieser Art des Guckens auch faul sein und schnell denken man habe alles gesehen. Bei kleinen Formaten, wie bei meinen, die nicht viel größer sind als das Gesichtsfeld des Betrachters selbst, muss man sich mehr Zeit nehmen und man sucht und konzentriert sich auf Details. Letztendlich wird man vor dem Bild dazu gezwungen die Distanz aufzugeben und einen Abstand zum Bild einzunehmen, der meinem und dem der Kamera zum Modell entspricht. Das Format und diese Betrachtungsweise kommt der Intimität, die in meinen Bildern liegt, entgegen. Wenn jetzt ein Übersicht der letzten zehn Jahre ausgestellt wird, liegt die Frage nah, was Du für Pläne hast, was Du in Zukunft machen willst? Hellen van Meene: Ich bin froh, dass es nicht als Retrospektive bezeichnet wird, denn so alt bin ich noch nicht und ich habe mein Werk noch längst nicht abgeschlossen. Ich will gerne noch einmal zurück nach Russland, aber auch nach Afrika. Im Sommer war ich in Marokko und ich habe wieder gemerkt wie groß der Unterschied zwischen den einzelnen Kulturen ist. In Japan ist es einfach zu arbeiten, weil jeder den man anspricht auch gerne dazu bereit ist sich fotografieren zu lassen. In Marokko ist es anders und man muss sehr viel mehr tun, um Menschen dazu zu kriegen vor die Kamera zu kommen. So etwas reizt mich. Ich könnte mir auch vorstellen weiter im Süden Afrikas zu fotografieren. Jedes Land hat seine eigene Herausforderung, wenn es in Japan die Gesichter sind, die mich inspirieren, ist es in Marokko gerade sie Schwierigkeit den Kontakt herzustellen oder gegen die Ablehnung anzukämpfen. Aber es nicht immer notwendig so weit weg zu gehen, ich könnte mir auch vorstellen, dass es spannend ist in Belgien auf die Suche zu gehen. Hast Du eine Art von Traum den du verfolgst? Eigentlich muss ich sagen, meine größte Angst ist immer, wenn ich ein gutes Foto gemacht habe, ob es mir danach gelingt wieder zu einem guten Bildresultat zu kommen. Das wieder etwas Schönes entsteht, über das ich mich selbst freuen kann – das ist mein größter Traum. Menschen kommen und gehen, das ist immer so, aber ich wünsche mir weiterhin inspiriert zu werden durch Leute an denen ich vorbei komme. Ich möchte offen bleiben, damit ich meine Sammlung von ‚Schmetterlingen’ weiter anwächst. Der Vergleich mit Schmetterlingen ist sehr besonders. Ich nenne das so und vielleicht stimmt der Vergleich auch nicht ganz, aber es sind ebenso flatterhafte Geschöpfe, wie die Jugendlichen, die ich fotografiere. Nur für kurze Zeit und in ruhigen Momenten, lassen sie ihr besonderes Wesen erkennen und manchmal ist es auch egal ob es ein Schmetterling oder ein Nachtfalter ist. Ausstellung im Museum Folkwang Essen: Hellen van
Meene Porträts
1995 – 2006 vom 2.12.2006 – 25.2.2007
Aus: Photonews, Ausgabe Dezember 2006 - Januar 2007 |
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