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KEN OHARA

Erweiterte Portätstudien seit 1970
04. März bis 30. April 2006, Museum Folkwang, Essen

Der japanische Fotograf Ken Ohara beschäftigt sich seit den 1970er Jahren mit der Darstellung des Menschen. Seine bedeutendsten Serien zeigen verschiedene Ansätze und Untersuchungen zum Porträt. Sie zeigen radikale Nahaufnahmen sowie ein Selbstporträt, welches aus Einzelaufnahmen zusammengesetzt wurde, die er in jeder Minute über die Dauer von 24 Stunden aufgenommen hat. Er fertigte Jahrestagebüchern an, die aus 365 Aufnahmen bestehen und im Leporello einander gegenübergestellt sind, als auch Fotos, die von Fremden für ihn gemacht wurden. Seine neuere Serie besteht aus mehr als hundert Porträts, bei denen die Aufnahmezeit über eine Stunde andauerte. Die zeitliche Komponente wird durch die entstehende Unschärfe ins Bild integriert. Ohara thematisiert damit ein Misstrauen gegen das scheinbar genaue, mimetische fotografische Abbild.

In dieser Breite ist zu erkennen, dass es bei Oharas Menschenbildnissen nicht um die festgelegte Sichtweise auf eine Persönlichkeit geht, sondern viel mehr um das Verhältnis von Raum und Zeit im fotografischen Porträt. In seinen Serien scheint eine Art Geheimnis zu liegen, die die grundlegenden Frage aufwerfen, ob die Fotografie überhaupt im Stande ist, zum Kern des Porträtierten vorzudringen und eine Essenz von Persönlichkeit einzufangen.

Bekannt wurde Ken Ohara, der 1962 von Tokio nach New York zog, 1970 durch die Veröffentlichung seines konzeptuellen Fotobuchs ONE. Es enthält über 500 Schwarzweißporträts, die gleichförmig belichtet sind und im engen Ausschnitt nicht den ganzen Kopf, sondern lediglich das Gesichtsfeld offenbaren. Die Porträts sind so angeordnet, dass auf jeder Doppelseite die Münder, Nasen und Augen auf eine Linie gestellt sind. Das Buch ist nicht paginiert und widersetzt sich jeder Erzählstruktur. Der Gesichtsausdruck ist in jedem Foto ähnlich ausdruckslos und damit fast stereotyp. Ohara begibt sich mit dieser Serie auf die Suche nach Ähnlichkeiten in der menschlichen Physiognomie und die Gesichter scheinen zur offenen Betrachtung, zum Vergleichen und Abwägen offen dar zu liegen. ‚Ich versuche, nicht das zu fotografieren, was wir meinen, sondern das, was es ist’ lautet Ken Oharas Absichtserklärung. Teile dieser ersten Serie wurden 1974 im New Yorker Museum of Modern Art im Zusammenhang der Ausstellung New Japanese Photography gezeigt.

Die Ausstellung ‚Ken Ohara – Erweiterete Porträtserien’ bringt erstmalig die verschiedenen Projekte des Fotografen zusammen. Die Präsentation macht ersichtlich, dass Porträtstandards an fernere Grenzen getrieben, ausgeweitet werden können. Voraussehbare und charakterisierende Elemente werden ausgeschlossen, die formalen Bedingungen von Ausschnitt, Maßstab, Belichtungszeit und Dauer verschoben und damit die Möglichkeiten und Grenzen des modernen Standbildmediums.

Ken Ohara ist 1942 in Tokio geboren. 1962 zog er nach New York und studierte dort an der Art Student’s League. Er war 1963-1966 Assistent bei Hiro und Richard Avedon, später technischer Direktor des Menken Selzer Studios. Seit 1970 werden seine Werke in Gruppen- und Einzelausstellungen gezeigt.
Dr. Christiane Kuhlmann

Veröffentlicht im Museum Folkwang zur Ausstellung

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