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WENN DIE KARTEN NEU GEMISCHT WERDEN

katalogtext zu "wenn ich im ohr bohre, riecht es noch ein bißchen nach party"
von johannes gramm

Ein Bild ist mehr als ein Bild, und manchmal mehr als die Sache selbst, deren Bild es ist.
Paul Valéry

So schreibt Paul Valéry, und seine Überlegung zum Wesen des Bildes trifft vor allem auf die Fotografie zu. Man kann es rütteln wie man will, die Kamera ist trotz aller Einwände um die technischen Möglichkeiten, die digitalen Machenschaften oder die traditionelle Retusche, ein Apparat, der neben seinem Hang zur Realität auch immer Wünsche, Visionen und subjektive Eindrücke hervorbringt.

Es gibt zwei Dinge, die in unserer Kultur und Gesellschaft mit einer ähnlichen magischen Beweiskraft ausgestattet sind, nämlich die Unterschrift und die Fotografie. Mit der einen bürgt der Unterzeichner mit seinem handschriftlichen Namen für die Richtigkeit eines Sachverhaltes. Kein Dokument hat Gültigkeit ohne diese Signatur, die bezeugt, daß man wahrhaft etwas in Händen gehalten hat. Die Fotografie funktioniert da vergleichbar, denn sie erzählt, daß der Gegenstand auf der Bildfläche zumindest für den Bruchteil einer Sekunde, vor der Linse anwesend war. Die Fotografie legt fest, daß die Person auf dem Bild sie selber ist oder der Zustand zu einem spezifischen Zeitpunkt so und nicht anders ausgesehen hat. Roland Barthes hat das in der Hellen Kammer ausgeführt, in einer Zeit, als die digitale Fotografie noch nicht zu denken war. Aber bis heute ist die Vorstellung vom Belegcharakter des Mediums und die ihrer Authentizität, wenn man so will, nicht aus unseren Köpfen verschwunden. Antlitz ist ein schönes, altmodisches deutsches Wort, welches aber wahrscheinlich sehr bald schon in den Katalog der vergessenen Wörter aufgenommen werden kann. Heute wird es nur noch selten als Synonym für Gesicht verwendet und bedeutet in seinem Ursprung auch das Entgegenblickende. Es ist etymologisch eine Wortmischung aus Sehen und Blicken und trifft damit den Kern der Portraitfotografie. Das Selbstportrait ist innerhalb dieses wohl anspruchvollsten Genres der Fotografie ein besonderes Konstrukt, denn Bildgegenstand und Bildgestalter sind eins und im Idealfall stimmen im Auge des Betrachters und des Bildkonstrukteurs Ergebnis und die Vorstellung davon überein. Der Blick in die Kamera ist gleichzeitig auch ein Blick auf sich selbst und das erzeugte Bild eine Spiegelung der Selbstdefinition, der Abdruck von Visionen und Vorstellungen, die der Fotograf mit seiner Person und seinen Eigenschaften verbindet.

Johannes Gramm

Die Serie von Selbstportraits ABETTERI ist ein Spiel, in dem Johannes Gramm die Karten vom fotografischen Selbstbildnis neu gemischt hat. König, Bube, Dame und deren Attribute - Stärker, Schöner, Jünger - werden durchdekliniert und facettenreich ausgebreitet. Von brutal bis lädiert, gezeichnet, tätowiert und gepierct erscheinen die Könige, die ihre aufrechte und selbstbewußte Stellung nicht aufgeben. Die Frontalität behalten auch die anderen Figurentypen bei, aber sie verändert sich. Die Damen, die ihre Blöße nur halb verdecken können, blicken milder und die angehobenen Schultern sprechen von einer sich selbst schützenden Haltung. Die jüngeren Buben tragen außer ihren fragenden, unbedarften Gesichtszügen Frisuren, die in Kombination mit den Gesichtszügen nicht eindeutig männlich oder weiblich sind. Sie sind noch unversehrt, aber wohl zu allem entschlossen. Fotografische Selbstportraits als Ort der Inszenierung, bei denen das Verwandeln vor der Kamera zu einem Suchen und einer Art Neudefinition der eigenen Person wird, hat Tradition in der Geschichte der Fotografie. Die Bauhauskünstlerin Gertrud Arndt (1903 – 2000) erprobt Rollen und Muster des weiblichen Ausdrucks, indem sie sich mit aufwendigen Spitzen, Stoffen und Hüten verkleidete. In der Serie von 1930 wird sie das naive, puppenhafte Mädchen, die mondäne Verführerin, die geheimnisvolle Schöne oder die strenge Beobachterin. Die französische Künstlerin Claude Cahun (1894 – 1954) ist zugleich Schauspielerin, Fotografin und Schriftstellerin und inszeniert rund vier Jahrzehnte Rollenmuster und Positionen vor der Kamera, experimentiert mit sich und den Möglichkeiten der Fotografie. Johannes Gramm verfolgt eine vergleichbare Strategie. Er beschränkt sich nicht auf das Spiel mit Verkleidungen, sondern der Künstler rückt seinem eigenen Körper bildnerisch zu Leibe. Der König trägt bei ihm weder Krone noch Zepter, sondern Blessuren, als Verkörperung von Kraft und Stärke. Und er setzt auf die Wirkungsmacht von tätowierten Symbolen, auf Slogans wie Love and Hate und dem nach außen getragenem Schmerzempfinden. Kleider machen Leute, auch in unserer heutigen Gesellschaft, aber neben den allgemeingültigen Dresscodes, ist der manipulierte Körper mehr denn je zum Ausdruckmedium der Selbstdefinition geworden. Und der Weg über die Kamera erlaubt den Schritt zum Rollentausch der Geschlechter oder der Generationen. Dabei gibt Johannes Gramm aber nie vor, jemand anderes zu sein als er selbst – die Fotografie zeigt es uns, wahrheitsliebend wie sie ist. Bei ihm bleibt es ein Spiel, bei dem man Glück oder Pech haben kann. Und die Frage, was echt oder erfunden ist, spielt bei der Betrachtung der Bilder nur eine untergeordnete Rolle, denn es gilt viel mehr, das Bild als ein solches wahrzunehmen.

Wenn ich mal alt bin, möchte ich nicht so gern allein sein oder
Julia und Romeo und Gretel und Hänsel.

Johannes Gramm

Die fotografischen Doppelportraits zeigen immer ein und dieselbe Person, mal in kleinen Variationen, mal in unterschiedlichen Ausdrucksmomenten. Als Betrachter steht man davor und ist geneigt zu vergleichen, sucht Veränderungen, überlegt mit wie viel Personen man es zu tun hat. Unerklärlich scheinen die Handreichungen zwischen den beiden Sies oder Ers. Johannes Gramm referiert auf ein Phänomen, das es so visuell nicht gibt: Sich selber an die Hand nehmen. Aus Münchhausenerzählungen kennt man dieses Bild vom Helden, der sich am eigenen Schopfe aus dem Wasser zieht. Eine Geschichte vom ausdrücklichen Lügenbaron, von der wir als gebildeter Leser genau wissen, daß sie erfunden wurde. Insgeheim spielt man aber diese Szenerie durch und kommt zu dem Schluß, daß es eigentlich keine schlechte Idee wäre und es auch wunderbar sein könnte, wenn man sich dann und wann selbst an den Haaren aus dem Schlamassel retten könnte. Johannes Gramms Serie hat zwei Titel, der Obertitel, referiert auf Ängste und Traurigkeiten, die heute alltäglich zu sein scheinen. Die Untertitel entlehnt er gleichbleibend bei märchenhaften Vorbildern und dem großen aber tragischen Liebespaar, das ohne einander nicht mehr leben konnte und dem Geschwisterpaar, das fürsorglich auf einander Acht gibt. Diese literarischen Vorbilder lassen sich so aber nicht in den Bildern wiederfinden. Zu sehen sind Menschen von heute, mal skeptisch, mal optimistisch. Die kühle Präsentation der Dargestellten im Studio versachlicht, mit langen Hosen und kurzen Hemden, macht die Distanz zwischen der Wunschtraumwelt und der Realität spürbar. Wie schon in der Serie ABETTERI geht es auch hierbei um genaue Betrachtungsweisen, um die Abbildhaftigkeit der Fotografie und den Glauben, den wir ihr schenken. Man kann sagen, die Fotografie von Johannes Gramm hängt an der Wirklichkeit. Sie liebt sie und spielt mit ihr, sucht sich das, was ihr gefällt, verleibt sie sich ein, ordnet sie neu, stapelt sie in Schichten auf, legt sie aus, hält sie fest, versucht, sie zu begreifen und schafft am Ende einen Schein von großer Ähnlichkeit, der aber letztlich immer wieder Bild heißt.

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