Start

Texte

Fotos

Autoren

Links

Kontakt

Frauen hinter der Kamera

kein ungewohntes bild

Zu den charakteristischen Erscheinungen auf dem Gebiet fotografischer Betätigung gehört die Zunahme der Frauenarbeit, stellte die Zeitschrift Photographie für alle und Sonne 1920 einigermaßen überrascht, aber durchaus wohlwollend fest. Die Frau hinter der Kamera ist in den 1920er Jahren in Deutschland kein ungewöhntes Bild: Eine Tatsache die heute bekannt ist, aber einige Zeit brauchte, um ins allgemeine Bewusstsein vorzudringen.
Im 19. Jahrhundert sah das anders aus: Frauen traten mehr auf der fotografischen Bildfläche, als hinter dem Fotoapparat in Erscheinung. Doch auch in dieser Frühzeit gab es Vorreiterinnen. Die ersten professionellen Studios entstanden bereits 1843 in Leipzig durch Berta Wehnert-Beckmann und in München durch die aus Paris stammende Daguerreotypistin Antoinette de Correvont. Den Durchbruch in die professionelle fotografische Praxis schafften die Frauen aber erst nach der Jahrhundertwende. Das hängt zum einen damit zusammen, dass neue Ausbildungsmöglichkeiten entstanden, aber auch mit einem Aufbrechen von gesellschaftlichen Hierarchien in der Weimarer Republik, in der die künstlerisch- und berufstätige Frau an Akzeptanz gewann. Hinzu kam eine veränderte Stellung des Mediums selbst: Über die traditionelle Portraitfotografie hinaus eröffneten sich neue Anwendungsgebiete im Bildjournalismus oder in experimentellen Bereichen künstlerischer Fotografie. Frauen behaupteten sich in allen Sparten. Seit den 1980er Jahre richtete sich der Blick der Kuratoren und Wissenschaftler verstärkter auf das Werk von Fotografinnen. Eine grundlegende Übersichtsausstellung 1994 im Museum Folkwang in Essen dazu hatten den Titel: Fotografieren hieß teilnehmen und markiert einen der Hauptaspekte für die größere Anzahl von Frauen in der fotografischen Praxis. Arbeit bedeutete Emanzipation von gesellschaftlichen Traditionen, finanzielle Unabhängigkeit und einen Zugang zu künstlerischem Gestalten. Ute Eskildsen beschrieb in diesem Zusammenhang die Kamera als Instrument der Selbstbestimmung. Seit 2003 gibt Eskildsen die Buchreihe Beruf: Fotografin im Steidl Verlag heraus. Diese widmet sich jeweils einer Bildautorin und stellt das Leben und Werk monografisch vor. Erschienen sind Fotobücher zur Presse- und Werbefotografin Elisabeth Hase ( 1905-1991), Annelise Kretschmer (1903-1987), die in Dortmund ein Atelier führte, zur Landschafts- und Portraitfotografin Fee Schlapper (1927-2000), sowie zur Tanzfotografin Charlotte Rudolph (1896-1983). Zuletzt kam eine Publikation zur Künstlerin Ella Bergmann-Michel ( 1895-1971) heraus, deren Arbeiten in einer Einzelausstellung gezeigt wurden, und die in der folgenden Zeit noch im Sprengel Museum in Hannover und im Verborgenen Museum in Berlin zu sehen sein wird. Die Buchreihe ist ein Ansatz, um das breitgefächerte fotografische Handeln von Frauen sichtbar zu machen und eine Bereicherung für die Geschichte der Fotografie, die noch lange nicht zu Ende geschrieben ist.

Veröffentlicht: Kunstbulletin des Bureua des Arts Plastique,n° 20, Sommer 2006

nach oben