Start

Texte

Fotos

Autoren

Links

Kontakt

Oskar Dawicki

every mistake has a hidden meaning
20.04. – 01.07.2007 ausstellung im rwe turm, essen

Der polnische Künstler Oskar Dawicki (geb. 1971) schickt den Besucher in seiner ersten Einzelausstellung in Deutschland auf eine ganz eigene Suche nach Erkenntnis. Der Titel: Jeder Fehler hat eine versteckte Bedeutung ist Programm für die speziell auf die Räumlichkeiten des RWE Turms zugeschnittenen Installationen.
In zwei Aquarien zeigen sich statt der zu erwartenden Fische und Pflanzen zwei eingerollte, aus Plastik hergestellte, künstliche Angelruten. Die Darstellung einer verkehrten Welt oder ein Vor-Augen-Führen eines Paradoxons? Dawicki verbindet die allgemein vorherrschende Idee von Aquarium, begrünt und paradiesisch, mit dem Gebrauchsgegenstand, der zum Störfaktor in einer Ideallandschaft wird. Das eröffnet ein breites Assoziationsspektrum und macht deutlich, wie festgesetzt bestimmte Vorstellungen sein können, auch von künstlich Geschaffenen, wie die einer Miniatur-Wasserwelt. Die Dinge anders zu beschauen und den ‚missing link’ durch eine konträre Komponente zu ersetzen, ist ein künstlerisches System, das sich Oskar Dawicki in verschiedenen Projekten zum Prinzip macht. Die Installation widersetzt sich der angestammten Logik und ist ein facettenreiches Spiel mit Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen.
Auf Tischen liegen vermeintliche Zeichnungen, mit Buntstiften ausgeführt, die, neben anderen Utensilien wie Schere, Kleber, Farben, ebenfalls Teil dieses Arrangements sind. Auf den zweiten Blick erkennt man, dass es nicht die Zeichnungen selbst, sondern Fotografien sind. Dinge, die oberflächlich betrachtet zusammen gehören, wiedersprechen sich. Die Stifte sind Ausgangsmaterial, stehen aber mit den apparativ hergestellten Fotos in keinem produktiven und direktem Kontakt. Dawicki verunsichert und referiert damit auf die nicht mehr bestehende Eindeutigkeit in der Rezeption von Bildwelten. In einer Zeit, in der wir gewohnt sind, digitale Manipulationen mitzudenken, greift er auf traditionelle Bildmittel zurück Zeichnung und fotografische Reporduktionen und löst durch die Überlagerung Zweifel an den medialen Strukturen aus.
Im Video Riders on the Storm – In Homage to Jim Morrison (2003) öffnen sich unzählige hintereinander gestellte Dateiseiten eines Bildbearbeitungsprogramms. Digital kann man hiermit Fotografien verändern, beschneiden, in ein anderes Licht tauchen – das Spektrum der Möglichkeiten ist schier grenzenlos. Das Motiv, das hier vermeintlich zur Verfeinerung bereitsteht, ist das Meer und sich überschlagende Wellen – die wie eine Verbildlichung des Titels anmuten. Der Film zeigt die Wege der Bildmanipulation auf, gleichzeitig negiert er aber durch seine Konstruktion als Video-Loop die direkte Einflussnahme. Die Arbeit heißt nach dem Song der 60er Jahre Band The Doors, die das Lebensgefühl einer ganzen Generation ausgedrückte. Die Musikgruppe, die für ihren Drogenkonsum bekannt war, gab sich ihren Namen in Anlehnung eines Essays von Adlous Huxley The Doors of Perception (Die Pforten der Wahrnehmung). Es muss spekulativ bleiben, inwieweit Dawicki bildlich eine Referenz zum Kultmusiker und Bandleader Jim Morrison herstellt, der im selben Jahr starb als Dawicki geboren wurde. Sicher dagegen ist aber, dass das ausgestellte Video die Funktion von Bildern als Nachrichten- und Wissenspool konterkariert, die sich im digitalen Internet-Zeitalter auch als das Gegenteil einer ‚Door of Perception’ erweisen können.
Oskar Dawicki benutzt für seine Installationen Gegenstände, zum Teil nachgebaute, neu konstruierte, wie das Sicherheitsgestell in seiner Arbeit Photomontage aus dem Jahre 2006. (In dieser Anordnung ist es um einen bereits abgesägten Baum aufgestellt) Als Replik sind sie ihrer ursprünglichen Funktion enthoben und in humorvoller Manier stellen sie nicht nur die Frage nach unserer Lebenswelt, sondern auch nach der eindeutigen Lesbarkeit von Kunstwerken. Die ausgediente Frage „Was will der Künstler uns damit sagen?“ ist bei Oskar Dawicki ein Potential, das er stets mitkommuniziert. Reaktion und Reflektion sind Teil seines Konzepts, in das er den potentiellen Betrachter mit einbezieht – dem er aber nie eine eindeutige Antwort offeriert, genauso wie er auch die Interviewfragen im Vorfeld der RWE Präsentation nicht beantwortet und statt dessen mit einer Geschichte aus der Zeit seines Kunststudiums reagiert. Dieses Nichtfestlegen ist keine Verweigerung, sondern eine Erweiterung des künstlerischen Radius. Das Feld des Unvermögens und der Schwäche werden für ihn zum Ausgangspunkt. Darüber hinaus tritt der ausgebildete Maler auch als Performance-Künstler auf. Lukasz Gorczyca Ronduda erläutert in seinem einführenden Katalogtext, dass Dawicki aus der tief erfahrenen Überzeugung heraus agiere, dass Handeln eine Illusion sei und Resultate unerreichbar. Die Performance, die seine Arbeiten vielfach begleiten, ist als zeitliche beschränkte, ephemere Aktion die Kunstform, die strukturell dieser Grundüberzeugung entspricht.
Oskar Dawickis Kunst ist ein offenes Prinzip, in dem es nicht um richtig oder falsch geht, sondern in dem das Potential steckt, aus Missverständnissen zu neuen Anschauungen zu gelangen, selbst wenn diese aus Fehlern erwachsen.
Zum Künstler:
Oskar Dawicki, geboren 1971 im polnischen Hel; Lebt und arbeitet in Warschau. Von 1991 bis 1996 Studium der Malerei an der Nikolas Kopernikus Universität in Torun. Er ist Performer, arbeitet aber auch mit den Medien Video und Installation.

Veröffentlicht im Museum Folkwang und RWE Turm Begleittext zur Ausstellung

nach oben