Der polnische Künstler
Oskar Dawicki (geb. 1971) schickt den Besucher in seiner ersten Einzelausstellung
in Deutschland auf eine ganz eigene Suche nach Erkenntnis. Der Titel:
Jeder Fehler hat eine versteckte Bedeutung ist Programm für die
speziell auf die Räumlichkeiten des RWE Turms zugeschnittenen Installationen.
In zwei Aquarien zeigen sich statt der zu erwartenden Fische und Pflanzen
zwei eingerollte, aus Plastik hergestellte, künstliche Angelruten.
Die Darstellung einer verkehrten Welt oder ein Vor-Augen-Führen eines
Paradoxons? Dawicki verbindet die allgemein vorherrschende Idee von Aquarium,
begrünt und paradiesisch, mit dem Gebrauchsgegenstand, der zum Störfaktor
in einer Ideallandschaft wird. Das eröffnet ein breites Assoziationsspektrum
und macht deutlich, wie festgesetzt bestimmte Vorstellungen sein können,
auch von künstlich Geschaffenen, wie die einer Miniatur-Wasserwelt.
Die Dinge anders zu beschauen und den ‚missing link’ durch
eine konträre Komponente zu ersetzen, ist ein künstlerisches
System, das sich Oskar Dawicki in verschiedenen Projekten zum Prinzip macht.
Die Installation widersetzt sich der angestammten Logik und ist ein facettenreiches
Spiel mit Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen.
Auf Tischen liegen vermeintliche Zeichnungen, mit Buntstiften ausgeführt,
die, neben anderen Utensilien wie Schere, Kleber, Farben, ebenfalls Teil
dieses Arrangements sind. Auf den zweiten Blick erkennt man, dass es nicht
die Zeichnungen selbst, sondern Fotografien sind. Dinge, die oberflächlich
betrachtet zusammen gehören, wiedersprechen sich. Die Stifte sind
Ausgangsmaterial, stehen aber mit den apparativ hergestellten Fotos in
keinem produktiven und direktem Kontakt. Dawicki verunsichert und referiert
damit auf die nicht mehr bestehende Eindeutigkeit in der Rezeption von
Bildwelten. In einer Zeit, in der wir gewohnt sind, digitale Manipulationen
mitzudenken, greift er auf traditionelle Bildmittel zurück Zeichnung
und fotografische Reporduktionen und löst durch die Überlagerung
Zweifel an den medialen Strukturen aus.
Im Video Riders on the Storm – In Homage to Jim Morrison (2003) öffnen
sich unzählige hintereinander gestellte Dateiseiten eines Bildbearbeitungsprogramms.
Digital kann man hiermit Fotografien verändern, beschneiden, in ein
anderes Licht tauchen – das Spektrum der Möglichkeiten ist schier
grenzenlos. Das Motiv, das hier vermeintlich zur Verfeinerung bereitsteht,
ist das Meer und sich überschlagende Wellen – die wie eine Verbildlichung
des Titels anmuten. Der Film zeigt die Wege der Bildmanipulation auf, gleichzeitig
negiert er aber durch seine Konstruktion als Video-Loop die direkte Einflussnahme.
Die Arbeit heißt nach dem Song der 60er Jahre Band The Doors, die
das Lebensgefühl einer ganzen Generation ausgedrückte. Die Musikgruppe,
die für ihren Drogenkonsum bekannt war, gab sich ihren Namen in Anlehnung
eines Essays von Adlous Huxley The Doors of Perception (Die Pforten der
Wahrnehmung). Es muss spekulativ bleiben, inwieweit Dawicki bildlich eine
Referenz zum Kultmusiker und Bandleader Jim Morrison herstellt, der im
selben Jahr starb als Dawicki geboren wurde. Sicher dagegen ist aber, dass
das ausgestellte Video die Funktion von Bildern als Nachrichten- und Wissenspool
konterkariert, die sich im digitalen Internet-Zeitalter auch als das Gegenteil
einer ‚Door of Perception’ erweisen können.
Oskar Dawicki benutzt für seine Installationen Gegenstände, zum
Teil nachgebaute, neu konstruierte, wie das Sicherheitsgestell in seiner
Arbeit Photomontage aus dem Jahre 2006. (In dieser Anordnung ist es um
einen bereits abgesägten Baum aufgestellt) Als Replik sind sie ihrer
ursprünglichen Funktion enthoben und in humorvoller Manier stellen
sie nicht nur die Frage nach unserer Lebenswelt, sondern auch nach der
eindeutigen Lesbarkeit von Kunstwerken. Die ausgediente Frage „Was
will der Künstler uns damit sagen?“ ist bei Oskar Dawicki ein
Potential, das er stets mitkommuniziert. Reaktion und Reflektion sind Teil
seines Konzepts, in das er den potentiellen Betrachter mit einbezieht – dem
er aber nie eine eindeutige Antwort offeriert, genauso wie er auch die
Interviewfragen im Vorfeld der RWE Präsentation nicht beantwortet
und statt dessen mit einer Geschichte aus der Zeit seines Kunststudiums
reagiert. Dieses Nichtfestlegen ist keine Verweigerung, sondern eine Erweiterung
des künstlerischen Radius. Das Feld des Unvermögens und der Schwäche
werden für ihn zum Ausgangspunkt. Darüber hinaus tritt der ausgebildete
Maler auch als Performance-Künstler auf. Lukasz Gorczyca Ronduda erläutert
in seinem einführenden Katalogtext, dass Dawicki aus der tief erfahrenen Überzeugung
heraus agiere, dass Handeln eine Illusion sei und Resultate unerreichbar.
Die Performance, die seine Arbeiten vielfach begleiten, ist als zeitliche
beschränkte, ephemere Aktion die Kunstform, die strukturell dieser
Grundüberzeugung entspricht.
Oskar Dawickis Kunst ist ein offenes Prinzip, in dem es nicht um richtig
oder falsch geht, sondern in dem das Potential steckt, aus Missverständnissen
zu neuen Anschauungen zu gelangen, selbst wenn diese aus Fehlern erwachsen.
Zum Künstler:
Oskar Dawicki, geboren 1971 im polnischen Hel; Lebt und arbeitet in Warschau.
Von 1991 bis 1996 Studium der Malerei an der Nikolas Kopernikus Universität
in Torun. Er ist Performer, arbeitet aber auch mit den Medien Video und
Installation.
Veröffentlicht im Museum Folkwang und RWE Turm Begleittext zur
Ausstellung
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