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Blind Date

ein blick auf die serien "cosmetic view" von koos breukel und
"die blinden" von oliver sieber

Koos Breukel Foto: Koos Breukel

Man lässt den Blick schweifen, richtet und heftet seine Blicke an Menschen oder auf Gegenstände. Man verliert den Blick für eine Sache oder sich selbst im Blick eines anderen. Blicke haben eine Richtung, kreuzen sich, stellen Kontakt her oder verweigern diesen, man fühlt und spürt Blicke, sogar im Nacken - und nicht auszudenken was passieren würde, wenn Blicke wirklich vernichten oder töten könnten.
Der Blick auf ein Portrait ist immer auch eine direkte Konfrontation mit dem Blick des Dargestellten. Im Foto ist er festgelegt, bezeichnend, unverrückbar und dennoch beschleicht einen ab und zu das Gefühl, dass egal in welcher Position man sich vor dem Bild bewegt, die Blicke einem im Raum verfolgen.
Zwischen Sehen und Blicken besteht eine Kluft und dass es nicht ein und das Selbe ist, ist offenkundig. ‚Was wir sehen blickt uns an’, so die These von Didi-Huberman, und sie scheint besonders auf die Portraitfotografie anwendbar zu sein. Doch was geschieht, wenn der Blick auf ein Bild mit eingeschränktem, partiellem Sehen oder Blindheit verbunden ist?
Koos Breukel (1962*) und Oliver Sieber (1966*) haben sich in unterschiedlichen Zusammenhängen das Verhältnis von Sehen und Angesehen werden, die Fähigkeit des optischen Wahrnehmens und den Blickkontakt zwischen Sehenden und Blinden zum Thema gemacht.
Der Niederländer Koos Breukel ist vor allem Portraitfotograf. Er versteht seine Arbeiten als eine ‚Hommage an das Leben’, obwohl er sich immer wieder mit Themen auseinandersetzt, die Verletzbarkeit und Tod nur allzu deutlich werden lassen. In der genannten Serie ‚Cosmetic View’ von 2005 zeigt er Menschen, die alle von der selben Okularistin hergestellte künstliche Augen - Augenprothesen aus Kunstharz tragen. Bereits der Titel besagt, dass es hierbei um mehr als das klassische Portraitbild geht. Unbeirrt und still sind die geschönten Blicke, die in erster Linie dem Fotografen gegolten haben und sie strahlen gleichermaßen Ruhe und Unruhe aus. Allerdings entsteht die größte Verunsicherung vor dem Bild. Der Blick des Betrachters wandert über die Fotografie in der vertrauten Erwartung eines Respons, eines Blickkontaktes, der sich aber nur schwer einstellt. Trotz der konzentrierten Haltung der Dargestellten findet sich kaum ein Anknüpfungspunkt und man fühlt sich merkwürdig allein gelassen. Mehr noch, es schleicht sich das ungute Gefühl ein, dass man seinen eigenen Augen nicht trauen kann. Man muss sich immer wieder vergewissern und fragen, welches das sehende und welches das blinde Auge ist – oder ob vielleicht das gesamte Paar ein Kunstwerk ist. Mit Schrecken überkommt einen die Erkenntnis, dass etwas passiert sein muss, dass den teilweisen Verlust des Augenlichts herbeigeführt hat – ein kaum wieder gutzumachendes Unglück, welches von den perfekten Nachbildern kunstvoll zugedeckt wird. Und es wirft die Frage auf, die sich vermutlich jeder schon einmal in düsteren Momenten gestellt hat, nämlich auf welchen seiner fünf Sinne man am ehesten verzichten könnte? Eine Überlegung, auf die man immer wieder die selbe Antwort hat: auf den Sehsinn auf gar keinen Fall und schlussendlich auf keinen. Aber die Serie ist keine Darstellung von Schicksalen. Der Anblick der Portraits, die eine unaussprechliche Würde haben, werfen den Betrachter vielmehr auf sich selbst und sein eigenes Verständnis von Sehen zurück.
Der Düsseldorfer Fotograf Oliver Sieber widmet sich in seinen thematischen Portraitserien spezifischen Gruppen, jugendliche Subkulturen, Freundinnen oder wie zuletzt den sogenannten ‚Character thieves’. ‚Die Blinden’ entstand 2002/03 in einer der traditionsreichsten deutschen Schulen für Sehgeschädigte in Düren. Hierbei ist die Haltung der Fotografierten vor der Kamera nicht immer frontal, sondern sie wenden sich manchmal zur Seite oder verschließen den Blick. Das Gefühl angesehen zu werden ist nicht für jeden leicht zu ertragen und hierin besteht wohl auch kaum ein Unterschied zu nicht-blinden Modellen. Doch während für den Sehenden durch einen Blick in den Spiegel noch eben die Möglichkeit der Selbstkontrolle gegeben ist, ebenso wie die wahrnehmbare Reaktion seines Gegenübers, ist der Blinde vor dem Kameraauge auf sich allein gestellt – muss seinem innerem Körpergefühl trauen, ebenso wie dem Fotografen. So entstanden individuelle Portraits, die die Dargestellten selber nie anschauen konnten - eine paradoxe Situation - wie die ganze Aufnahmekonstellation zwischen dem sehenden Fotografen, der registrierenden Kamera und den eingeschränkt sehenden oder blinden Modellen. In gewisser Weise sind die Portraits introvertiert und das thematische Vorzeichen ‚Die Blinden’ schließt von vornherein aus, dass der Blick aufs Foto auch einen ‚Augenblick’ als Antwort erwarten kann. Dennoch existieren Blicke und Richtungen und es wird deutlich, dass der Blick unabhängig von der Fähigkeit zu sehen besteht und nicht an das Gesichtsfeld gebunden ist. Darüber hinaus lässt die gesamte Reihe erkennen, dass Blicke von Blinden oder deren Abkehr Träger individualisierter Gesten und facettenreicher Aspekt von Persönlichkeit sind. Die wahrnehmbaren Stimmungen in den Portraits schwanken dann auch zwischen ängstlicher Zurückhaltung und einem spürbaren Genuss, sich zu präsentieren.
Das Fotografieren von Blinden hat eine Tradition und bereits 1930/31 machte August Sander Aufnahmen an der selben Dürener Blindenschule. Er integrierte sie in sein gesellschaftsgliederndes Mappenwerk in die Kategorie der ‚letzten Menschen’, zu den Kranken, Irren und Versehrten. Doch anders als die Einteilung vermuten lässt, sind die dargestellten Außenseiter, zu denen auch Bilder von Toten gehören, nicht bloßgestellt oder gar der Lächerlichkeit preisgegeben. Vor allem das Foto der beiden blinden Kinder, die sich an den Händen halten, um sich nicht zu verlieren und tastend ihren Weg im Dunklen suchen, ist ein Bild, das man nicht schnell vergisst. Die Dürener Portraits gehören in der Reihe der neu-sachlichen Menschenbildnisse zu Sanders gefühlvollsten und einfühlsamsten. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass man der Welt der Blinden, welche Menschen, die die Fähigkeit haben zu sehen und auf Blicke zu reagieren, mysteriös und befremdlich vorkommt, kaum anders entgegnen kann. Diese sensible Herangehensweise spiegelt sich auch in den zeitgenössischen Arbeiten von Breukel und Sieber wieder, auch wenn sie formal ganz anders gelöst sind: vor neutralen Hintergründen und mit einer gelenkten Lichtführung. Auf der Fläche ihrer Blinden-Fotos kulminieren die gegensätzlichen Konzepte von Sehen und blind Sein, Blickkontakt und Ablehnung. Darüber hinaus sind die Fotografien für den Bildbetrachter eine Begegnung - ein Blind Date - mit einer für ihn unbekannten Erfahrungswelt. Wer sich auf ein solches Zusammentreffen einlassen will, kann bis zum 24. September Oliver Siebers dreißigteilige Serie erstmalig komplett im Leopold-Hösch Museum in Düren anschauen. Ein Blind Date mit Koos Breukels kosmetischen Blicken ist jederzeit in Buchform möglich.
Christiane Kuhlmann

Veröffentlicht in Photonews September 2006

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