Foto:
Koos Breukel
Man lässt den Blick schweifen,
richtet und heftet seine Blicke an Menschen oder auf Gegenstände.
Man verliert den Blick für eine Sache oder sich selbst im Blick
eines anderen. Blicke haben eine Richtung, kreuzen sich, stellen Kontakt
her oder verweigern diesen, man fühlt und spürt Blicke, sogar
im Nacken - und nicht auszudenken was passieren würde, wenn Blicke
wirklich vernichten oder töten könnten.
Der Blick auf ein Portrait ist immer auch eine direkte Konfrontation
mit dem Blick des Dargestellten. Im Foto ist er festgelegt, bezeichnend,
unverrückbar
und dennoch beschleicht einen ab und zu das Gefühl, dass egal in welcher
Position man sich vor dem Bild bewegt, die Blicke einem im Raum verfolgen.
Zwischen Sehen und Blicken besteht eine Kluft und dass es nicht ein und
das Selbe ist, ist offenkundig. ‚Was wir sehen blickt uns an’,
so die These von Didi-Huberman, und sie scheint besonders auf die Portraitfotografie
anwendbar zu sein. Doch was geschieht, wenn der Blick auf ein Bild mit
eingeschränktem, partiellem Sehen oder Blindheit verbunden ist?
Koos Breukel (1962*) und Oliver Sieber (1966*) haben sich in unterschiedlichen
Zusammenhängen das Verhältnis von Sehen und Angesehen werden,
die Fähigkeit des optischen Wahrnehmens und den Blickkontakt zwischen
Sehenden und Blinden zum Thema gemacht.
Der Niederländer Koos Breukel ist vor allem Portraitfotograf. Er versteht
seine Arbeiten als eine ‚Hommage an das Leben’, obwohl er sich
immer wieder mit Themen auseinandersetzt, die Verletzbarkeit und Tod nur
allzu deutlich werden lassen. In der genannten Serie ‚Cosmetic View’ von
2005 zeigt er Menschen, die alle von der selben Okularistin hergestellte
künstliche Augen - Augenprothesen aus Kunstharz tragen. Bereits der
Titel besagt, dass es hierbei um mehr als das klassische Portraitbild geht.
Unbeirrt und still sind die geschönten Blicke, die in erster Linie
dem Fotografen gegolten haben und sie strahlen gleichermaßen Ruhe
und Unruhe aus. Allerdings entsteht die größte Verunsicherung
vor dem Bild. Der Blick des Betrachters wandert über die Fotografie
in der vertrauten Erwartung eines Respons, eines Blickkontaktes, der sich
aber nur schwer einstellt. Trotz der konzentrierten Haltung der Dargestellten
findet sich kaum ein Anknüpfungspunkt und man fühlt sich merkwürdig
allein gelassen. Mehr noch, es schleicht sich das ungute Gefühl ein,
dass man seinen eigenen Augen nicht trauen kann. Man muss sich immer wieder
vergewissern und fragen, welches das sehende und welches das blinde Auge
ist – oder ob vielleicht das gesamte Paar ein Kunstwerk ist. Mit
Schrecken überkommt einen die Erkenntnis, dass etwas passiert sein
muss, dass den teilweisen Verlust des Augenlichts herbeigeführt hat – ein
kaum wieder gutzumachendes Unglück, welches von den perfekten Nachbildern
kunstvoll zugedeckt wird. Und es wirft die Frage auf, die sich vermutlich
jeder schon einmal in düsteren Momenten gestellt hat, nämlich
auf welchen seiner fünf Sinne man am ehesten verzichten könnte?
Eine Überlegung, auf die man immer wieder die selbe Antwort hat: auf
den Sehsinn auf gar keinen Fall und schlussendlich auf keinen. Aber die
Serie ist keine Darstellung von Schicksalen. Der Anblick der Portraits,
die eine unaussprechliche Würde haben, werfen den Betrachter vielmehr
auf sich selbst und sein eigenes Verständnis von Sehen zurück.
Der Düsseldorfer Fotograf Oliver Sieber widmet sich in seinen thematischen
Portraitserien spezifischen Gruppen, jugendliche Subkulturen, Freundinnen
oder wie zuletzt den sogenannten ‚Character thieves’. ‚Die
Blinden’ entstand 2002/03 in einer der traditionsreichsten deutschen
Schulen für Sehgeschädigte in Düren. Hierbei ist die Haltung
der Fotografierten vor der Kamera nicht immer frontal, sondern sie wenden
sich manchmal zur Seite oder verschließen den Blick. Das Gefühl
angesehen zu werden ist nicht für jeden leicht zu ertragen und hierin
besteht wohl auch kaum ein Unterschied zu nicht-blinden Modellen. Doch
während für den Sehenden durch einen Blick in den Spiegel noch
eben die Möglichkeit der Selbstkontrolle gegeben ist, ebenso wie die
wahrnehmbare Reaktion seines Gegenübers, ist der Blinde vor dem Kameraauge
auf sich allein gestellt – muss seinem innerem Körpergefühl
trauen, ebenso wie dem Fotografen. So entstanden individuelle Portraits,
die die Dargestellten selber nie anschauen konnten - eine paradoxe Situation
- wie die ganze Aufnahmekonstellation zwischen dem sehenden Fotografen,
der registrierenden Kamera und den eingeschränkt sehenden oder blinden
Modellen. In gewisser Weise sind die Portraits introvertiert und das thematische
Vorzeichen ‚Die Blinden’ schließt von vornherein aus,
dass der Blick aufs Foto auch einen ‚Augenblick’ als Antwort
erwarten kann. Dennoch existieren Blicke und Richtungen und es wird deutlich,
dass der Blick unabhängig von der Fähigkeit zu sehen besteht
und nicht an das Gesichtsfeld gebunden ist. Darüber hinaus lässt
die gesamte Reihe erkennen, dass Blicke von Blinden oder deren Abkehr Träger
individualisierter Gesten und facettenreicher Aspekt von Persönlichkeit
sind. Die wahrnehmbaren Stimmungen in den Portraits schwanken dann auch
zwischen ängstlicher Zurückhaltung und einem spürbaren Genuss,
sich zu präsentieren.
Das Fotografieren von Blinden hat eine Tradition und bereits 1930/31 machte
August Sander Aufnahmen an der selben Dürener Blindenschule. Er integrierte
sie in sein gesellschaftsgliederndes Mappenwerk in die Kategorie der ‚letzten
Menschen’, zu den Kranken, Irren und Versehrten. Doch anders als
die Einteilung vermuten lässt, sind die dargestellten Außenseiter,
zu denen auch Bilder von Toten gehören, nicht bloßgestellt oder
gar der Lächerlichkeit preisgegeben. Vor allem das Foto der beiden
blinden Kinder, die sich an den Händen halten, um sich nicht zu verlieren
und tastend ihren Weg im Dunklen suchen, ist ein Bild, das man nicht schnell
vergisst. Die Dürener Portraits gehören in der Reihe der neu-sachlichen
Menschenbildnisse zu Sanders gefühlvollsten und einfühlsamsten.
Vielleicht ein Zeichen dafür, dass man der Welt der Blinden, welche
Menschen, die die Fähigkeit haben zu sehen und auf Blicke zu reagieren,
mysteriös und befremdlich vorkommt, kaum anders entgegnen kann. Diese
sensible Herangehensweise spiegelt sich auch in den zeitgenössischen
Arbeiten von Breukel und Sieber wieder, auch wenn sie formal ganz anders
gelöst sind: vor neutralen Hintergründen und mit einer gelenkten
Lichtführung. Auf der Fläche ihrer Blinden-Fotos kulminieren
die gegensätzlichen Konzepte von Sehen und blind Sein, Blickkontakt
und Ablehnung. Darüber hinaus sind die Fotografien für den Bildbetrachter
eine Begegnung - ein Blind Date - mit einer für ihn unbekannten Erfahrungswelt.
Wer sich auf ein solches Zusammentreffen einlassen will, kann bis zum 24.
September Oliver Siebers dreißigteilige Serie erstmalig komplett
im Leopold-Hösch Museum in Düren anschauen. Ein Blind Date mit
Koos Breukels kosmetischen Blicken ist jederzeit in Buchform möglich.
Christiane Kuhlmann
Veröffentlicht in Photonews September 2006
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