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Ella Bergmann-Michel – Fotografien und Filme

2. juli bis 25. september 2005 im museum folkwang, essen

Die Künstlerin Ella Bergmann-Michel ist nicht nur Fotografin und Dokumentarfilmerin, sondern ist auch als Pionierin der Collage zu bezeichnen. Noch vor Kurt Schwitters arbeitete sie an den ersten Materialbildern, und die Überschreitung von Gattungsgrenzen war stets eine Herausforderung für sie.
Die Fotografische Sammlung im Museum Folkwang ist im Besitz des größten Teils ihres fotografischen Oeuvres. Die Ausstellung eröffnet damit nicht nur die Möglicht das Werk der Protagonistin zu entdecken, sondern gibt den Besuchern einen Einblick in den großen Sammlungsbestand zur Fotografie der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Ella Bergmann wurde 1896 in Paderborn geboren. Ihre Familie hatte eine Drogerie, der auch eine Abteilung für Fotografie angeschlossen war. Wo bereits ihr Großvater mit der Fotografie experimentierte. Mit 19 Jahren begann sie in Weimar an der Großherzoglichen Hochschule für Bildende Künste zu studieren - ein noch ungewöhnlicher Schritt für eine junge Frau in dieser Zeit. Der Inhalt der künstlerischen Ausbildung richtete sich nach reformerischen Ansätzen Henry van de Veldes und deren Weiterführung. Ella Bergmann besuchte die Zeichenklasse von Walter Klemm und lernte hier Robert Michel kennen, den sie 1919 heiratete. Ab 1917 teilten sie sich ein gemeinsames Atelier, eine Konsequenz die sich aus dem gemeinsamen künstlerischen Anliegen ergab. Sie wandten sich gegen die in ihren Augen traditionelle Kunstauffassung der Akademie, welche die dortige Ausbildung prägte. 1918 verließ Bergmann-Michel die Institution und arbeitete fortan freischaffend. Ihre ersten Materialcollagen, bei denen sie gezeichnete, aquarellierte Flächen mit Holz, Papier und auch Fell kombinierte, entstanden in dieser Phase. Zur Eröffnung des Bauhauses 1919 wurden einige ihrer Bilder in dem neuen Gebäude ausgestellt. Nach der Geburt des Sohnes Hans 1920 zog die Familie in die Nähe von Frankfurt nach Eppstein-Vockenhausen und lebte in der Schmelzmühle von Michels Vater. In den folgenden Jahren entwickelte sich der Ort zu einem kulturellen Treffpunkt vieler Avantgardekünstler. Es bestanden intensive Kontakte zu Kurt Schwitters, über den die Verbindung zu Katherine S. Dreier und Marcel Duchamp zustande kam. Durch die Vermittlung der Mäzenin und des Dada Künstlers ergab sich die Teilnahme an der amerikanischen Ausstellung ‚Arts Council 1928’ und der Wanderausstellung ‚Société Anonyme’ im selben Jahr. Darüber hinaus waren Lazlo Moholy-Nagy , Willi Baumeister, Jan Tschichold und Hannes Meyer Gäste in der Mühle. 1926 wurde Bergmann-Michel Mitglied der Gruppe ‚Das Neue Frankfurt’, die sich aus einer Bewegung entwickelte, deren Anliegen eine Zusammenarbeit von Stadtplanung, Hochbauamt, Kunstgewerbeschule und freischaffenden Architekten war. 1927 wurde ihre Tochter Ella geboren. Im selben Jahr begann Ella Bergmann-Michel ihre intensive fotografische Tätigkeit, die bis 1933 anhielt. Durch die Auseinandersetzung mit dem russischen Dokumentarfilm nahm sie Kontakt zur ‚Liga für den unabhängigen Dokumentarfilm’ auf und gründete in Frankfurt eine Zweigstelle. Ab 1929 hatte sie ein eigenes Atelier in Frankfurt und lernte die Fotografin Ilse Bing kennen, mit der sie ihr Leben lang befreundet blieb. Ihren ersten Filmauftrag erhielt Bergmann-Michel 1931 vom Architekten Mart Stam, der sie beauftragte ein von ihm entworfenes modernes Altenheim in Frankfurt zu filmen. So entstand ihr erster Film ‚Wo die alten Leute wohnen’. In der Folgezeit machte sie Filme über die Situation von Arbeitslosen ‚Erwerbslose kochen für Erwerbslose’ und ‚Fliegende Händler’. Ihr letzter Film 1932/33 ‚Die letzte Wahl’ blieb ein Fragment. Sie wurde bei Aufnahmen vor einem Wahllokal der NSDAP verhaftet und kam nur durch intensive Bemühungen ihres Mannes wieder frei. Das ‚Neue Frankfurt’ wurde 1933 durch die Nationalsozialisten aufgelöst. Für Ella Bergmann-Michel bedeutete dies das Ende ihrer gehegten Hoffnungen in einen humanistischen Fortschritt durch den rationalen Einsatz von Architektur und Technik. Sie erhielt ein Berufsverbot und gab ihr Fotoatelier auf. Ihre fotografische Tätigkeit nahm sie auch nach dem Krieg nicht wieder auf. 1971 starb sie in Eppstein-Vockenhausen. Ihr künstlerische Nachlass befindet sich im Sprengel-Museum in Hannover.

Das fotografische und filmische Werk Ella Bergmann-Michels entstand zwischen 1927 und 1933 und stellt einen verhältnismäßig kleinen Teil ihres Gesamtwerkes dar. Im Bestand der fotografischen Sammlung befinden sich 345 Fotografien der Künstlerin, von denen eine Auswahl von 115 in der aktuellen Ausstellung gezeigt werden.
Ihre Fotos sind als eine logische Entwicklung aus ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Prinzip der Collage und den Phänomen des Lichts und der Bewegung zu sehen. Ebenso wie sich ihr Gesamtwerk nicht stilistisch einordnen lässt, ist auch ihr fotografisches Werk nicht einer einzigen Richtung zuzuordnen. In ihren Arbeiten bedingen sich fotografisches Gestalten und filmisches Sehen gegenseitig. Das Thema Bewegung und Dynamik zeigt sich in ihren Menschenbildnissen und hier vor allem in den Fotos ihrer Kinder. Die Verbindung von Privatem und Öffentlichem, die fotografische Erforschung der sich verändernden Gegenwart wird in ihren Arbeiterbildnissen augenscheinlich. Die Registrierung kleinster Details in Kombination mit formalen Strukturen des städtischen Lebens und der Architektur machen die Spannung dieser Bildkategorie aus. Darüber hinaus entstehen vor allem auf Reisen Naturaufnahmen. Der Doppelcharakter von strukturellem Sehen und der ausgeprägten Faszination ungewöhnlicher Ansichten prägen diese Bildgruppe.

Christiane Kuhlmann

Veröffentlicht im Museum Folkwang Begleittext zur Ausstellung

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