Start

Texte

Fotos

Autoren

Links

Kontakt

DIANE ARBUS – REVELATIONS

18. juni bis 18. september 2005 im museum folkwang, essen

Mit der Kamera in der Hand gehen wir weniger nett miteinander um, als wir es sonst tun. Es wird ein bisschen kalt und ein wenig streng.
Diane Arbus

Die Ausstellung ‚Diane Arbus – Revelations’ zeigt erstmals seit rund 30 Jahren eine Retrospektive auf das Werk der großen amerikanischen Fotografin. Hierbei werden nicht nur ihre weltweit bekannten Bilder, sondern auch bislang nicht gesehene Fotografien präsentiert, die aus bedeutenden öffentlichen und privaten Sammlungen stammen.

Konzipiert und organisiert wurde die Ausstellung vom San Francisco Museum of Modern Art in Zusammenarbeit mit Sandra S. Philipps und Elisabeth Sussmann. Im Anschluss an die amerikanischen Ausstellungsorte, zuletzt war sie im New Yorker Museum of Modern Art zu sehen, beginnt die europäische Tournee im Museum Folkwang, um danach im Viktoria & Albert Museum, London und in La Caixa, Barcelona gezeigt zu werden.

Diane Arbus (1923 – 1971) gilt als eine der Kult- und Hauptfiguren der amerikanischen sozialkritischen Dokumentarfotografie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie nimmt Menschen am Rande der gesellschaftlichen Akzeptanz, sowie die bürgerliche Mittelschicht der 50er und 60er Jahre ins Visier. Ihre Motive fand sie zumeist im Zentrum New Yorks, wo sie selber lebte. Ihre Porträts von Paaren, Kindern, Familien, Karnevalisten, Nudisten, Transvestiten, Menschen auf der Strasse und in Parks, Exzentrikern aber auch Berühmtheiten vermitteln ein anthropologisches Bild ihrer Zeitgeschichte und erscheinen wie eine Allegorie der Nachkriegsära Amerikas. Darüber hinaus stand die Erforschung der Beziehungen der Menschen untereinander, die Unterscheidung zwischen Identität und Erscheinung, die Frage nach Theater und Realität sowie Verschiebung von Illusion und Glaube im Fokus ihres Interesses.

Diane Arbus (geb. Nemerov) stammt aus einer polnisch-jüdischen New Yorker Einwandererfamilie. Durch die Bekanntschaft mit ihrem späteren Mann Allan Arbus kam sie in Kontakt mit der Fotografie und machte ab 1946 ihre ersten fotografischen Experimente. Die Modefotografie war ihr professioneller Einstieg, mit der sie sich, neben anderen Werbeaufträgen, gut 10 Jahre beschäftigte. In dieser Zeit besuchte sie Kurse bei Alexey Brodovitch, dem bedeutenden Grafikdesigner Amerikas der 30er bis 50er Jahre und legendären Art Director der Zeitschrift ‚Harper’s Bazar’, in der Diane Arbus ab den 60er Jahre ihre kontrovers diskutierten Arbeiten veröffentlichen konnte. Sie publizierte aber auch in anderen renommierten Illustrierten, wie dem ‚Esquire’. Ab 1957 besuchte sie diverse Workshops bei Lisette Model, die für sie Lehrerin und Vertraute in einem war. Daneben lassen sich in ihren Arbeiten Einflüsse des Fotoreporters Weegee, Robert Franks, Louis Faurers und William Kleins erkennen.
Ab Anfang der 60er Jahre machte sie Portraits berühmter Zeitgenossen, wie beispielsweise Frank Stella, Jorge Louis Borges und Marcel Duchamp. Zur gleichen Zeit begann sie ihre Home Stories und Bildessays, welche die scheinbar normale Welt des amerikanischen Kleinbürgers grotesk erscheinen ließen.
In den späten 60er Jahren lehrte Diane Arbus an der Parsons School of Design, der Rhode Island School of Design und an der Cooper Union und entwickelte ihre Vision der Fotografie weiter. 1963 und 1966 erhielt sie das Guggenheim-Stipendium und 1970 den Robert-Leavitt Award. 1967 war sie an der MOMA Ausstellung ‚New Documents’ zusammen mit Garry Winogrand und Lee Friedlander beteiligt. 1970 machte Arbus ein Portfolio von Originalabzügen, ‚A box of 10 photographs’. Ein Jahr später nahm sie sich das Leben.

1972 wurden auf der Biennale in Venedig zehn ins Monumentale vergrößerte Aufnahmen ihrer, wie sie selber sagte, ‚Freaks’ ausgestellt. Die Zwerge, Transvestiten und Nudisten wurden zur überwältigenden Sensation des amerikanischen Pavillons. Das MOMA zeigte im selben Jahre die erste große Diane Arbus Retrospektive. Zu Lebzeiten wurden ihre Arbeiten lediglich in einigen wenigen Gruppenausstellungen gezeigt, erfuhren aber große kunstkritische und öffentliche Aufmerksamkeit. Zum Zeitpunkt ihres Todes waren ihre Fotografien signifikant und sie selber eine legendäre Frau, so dass die Frage, ob sie diesen Bekanntheitsgrad ohne ihren Freitod erreicht hätte, welche ihre Biografin Patricia Bosworth 1984 aufwarf, nur hypothetisch zu nennen ist, aber letztendlich zur Mythenbildung entscheidend beitrug.

Diane Arbus stellte in Bezug auf die Darstellung von Identität und Erscheinung heraus: „Wir verstellen uns, als wollten wir der Umwelt einen Hinweis geben, wie sie uns sehen soll. Aber statt das zu sehen, was wir ihr weismachen wollen, sieht sie das, was wir ihr unfreiwillig preisgeben. Und das hat damit zu tun, was ich immer die Kluft zwischen Absicht und Wirkung nenne.“
Die anfangs zitierte Strenge der Fotografin ist im zweifachen Sinne bezeichnend für ihre Menschenbildnisse, und sowohl auf den Inhalt, als auch auf die formale Bildebene zu beziehen. Die Fotografin war stets auf der Suche nach Abweichungen, auch wenn sie keine regelrechten Randgruppen ins Bild setzte. Zumeist sind es kleine Details, welche die manchmal mühsam aufgebaute Selbstinszenierung vor der Kamera ins Wanken bringen. Ein leicht schielender Blick hinter einem Schleier, die übertriebene Schminke, eine patriotische Geste neben einer Abfalltonne bringt die scheinbare Normalität aus den Fugen. Dem Kamerablick der Fotografin entgeht nichts. Die Darstellung von gesellschaftlichen Außenseitern wirkte auf ihre Zeitgenossen erschreckend. Transvestiten, Schausteller, Zirkusleute, die bis zur Kopfhaut tätowiert sind, Gigolos in Zwergenformat, vereinsamte Kinder und Behinderte werden in das Gesellschaftspanorama der Diane Arbus integriert, und die Schockwirkung ergibt sich nicht allein aus der Tatsache, dass sie fotografisch abgelichtet werden, sondern vor allem aus dem Wie.
Es ist der direkte Blickkontakt zwischen der Fotografin und ihren Modellen, der in ungewohnter Direktheit den Betrachter trifft. Die Personen sind zumeist in die Bildmitte gerückt, was formal an die klassische Portraitfotografie anknüpft. Allerdings bewahrt Diane Arbus im Vergleich hierzu keine Distanz und der vermeintlich Konsens, der durch den frontalen Blick scheinbar formuliert wird, wirkt gleichzeitig fragwürdig. Gesteigert wird die Irritation durch die Lichtführung, die durch den Einsatz von Blitzlicht die Gesichter in Maskenbilder verwandelt.
Das Thema der Maske, des Verkleidens und dem dazugehörigen Demaskieren, auch im Übertragenen Sinne, verfolgte die Fotografin über lange Zeit. Auch in einer ihrer letzten großen Bildserien ‚Untitled’, die zwischen 1969 und 1970 in Einrichtungen für Behinderte entstand, geht es um die Maskerade. Hierbei wich sie von ihrem gewohnten Bildaufbau ab. Die Zentrierung, sowie die Parallelität zur vorderen Bildkante ist größtenteils aufgehoben, und die gezeigten Personen sind in ihrer Körperhaltung hierbei nicht auf die Fotografin und damit auf den Bildbetrachter ausgerichtet. Es entsteht eine Bilderwelt, die sich auch ohne die Anwesenheit der beobachtenden Kamera abspielte und thematisiert gleichzeitig den gesellschaftlichen Umgang mit körperlichen und geistigen Behinderungen. Die groteske Überzeichnung, die durch die Maskierung der Behinderten verstärkt wird, zwingt den Betrachter die Welt mit anderen Augen zu sehen. Die Masken sind hierbei eine Doppelung des künstlerischen Prinzips der Fotografin. Zum einen verdecken sie auf den ersten Blick das signifikante Merkmal der Behinderung: zum anderen pointieren sie das vermeintlich Andere. Vergleicht man diese Fotos mit anderen Kostümbildern, scheinen die gesellschaftlich gesetzten Grenzen zwischen ‚normal’ und ‚anders’ aufgehoben.

Arbus Fähigkeit eine Art Wechselspiel zu inszenieren, indem man Fremdes im Vertrauten und umgekehrt entdecken kann, stellt das Verständnis von uns selbst in Frage. Der Titel der Ausstellung ‚Revelations’ – Enthüllung greift diese Ambivalenz auf und offenbart dem Besucher zum einen den schonungslosen, wie mutigen Blick der Fotografin, zum anderen die Positionierung gesellschaftlicher Normen.

Christiane Kuhlmann

Veröffentlicht in: Schwarzweiss 47, Das Magazin für Fotografie, August 2005

nach oben